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März 1973 bis September 1973: Bürgerkrieg, Militärputsch oder Plebiszit?

Trotz der vielen Probleme konnten die Parteien der Unidad Popular im Vergleich zu den Wahlen von 1969 ihren Stimmenanteil von 36 auf 44 Prozent steigern. Die Opposition behauptete ihre Mehrheit im Kongress, aber die Christdemokraten mussten Verluste hinnehmen. Die Pattsituation blieb bestehen: Allende besaß keine eigene Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses, und die Opposition war nicht stark genug, um den Präsidenten mit verfassungsmäßigen Mitteln abzulösen. Der rechte Flügel der Christdemokraten bestimmte zunehmend die Politik der Partei.
Salvador Allende war dafür mit verantwortlich. In seinen Augen hatte die UP die Wahlen gewonnen. Er entließ die Generale aus dem Kabinett und kündigte eine Forcierung der Verstaatlichungspolitik an. Der radikale Flügel der Sozialistischen Partei gewann wieder an Einfluss.

Auf der Straße kam immer häufiger zu Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern der Regierung. Die Rechte hatte mit »Patria y Libertad« (Vaterland und Freiheit) bereits 1970 eine paramilitärische Organisation geschaffen, die wie der MIR vor Gewalt nicht zurückschreckte.

Der Kongress ging in den letzten Monaten vor dem Putsch dazu über, Allende das Gesetz des Handelns zu diktieren. Mehrmals bildete der Präsident das Kabinett um, denn die Opposition machte von den Möglichkeiten der Ministeranklage nun ständig Gebrauch. Am 29. Juni 1973 putschte ein Regiment des Heeres: Panzer rollten durch die Innenstadt von Santiago. Nach wenigen Stunden stellte sich heraus, dass die chilenischen Streitkräfte das Unternehmen nicht unterstützten.

Allende versuchte nun, die Militärs zur Rückkehr in das Kabinett zu bewegen. Die Generäle stellten Bedingungen, die für die Unidad Popular unannehmbar waren. Der Präsident sollte die von den Christdemokraten vorgeschlagene Verfassungsreform zur gemischten Wirtschaft unterschreiben. Hätte Allende dies getan, dann wäre die Unidad Popular auseinander gebrochen. So vergingen die Monate Juli und August und die innenpolitische Krise spitzte sich zu. In einer Rundfunkrede musste der Präsident am 13. August 1973 einräumen, dass Chile am Rande eines Bürgerkrieges stünde. Vier Tage später traf er sich mit dem Führer der Christdemokraten, aber das Gespräch, das die katholische Kirche vermittelt hatte, endete ergebnislos. Die Opposition stellte Forderungen, die einer Selbstentmachtung der Unidad Popular gleichgekommen wären. Am 23. August verabschiedete das Abgeordnetenhaus mit 81 gegen 47 Stimmen eine Erklärung, die die Regierung als illegal bezeichnte. Die Resolution war juristisch ohne Bedeutung, aber sie zeigte, dass die Fronten sich verhärteten und die Gefahr eines zweiten Militärputsches wuchs.

In den folgenden Tagen entglitt Allende immer mehr die Kontrolle – auch in der eigenen Partei. Am 9. September erklärte Carlos Altamirano, dass die Sozialistische Partei keine Abstriche am Wahlprogramm der UP hinnähme und dies auch von Allende erwartete. Der revolutionäre Weg sei fortzusetzen und die Arbeiterklasse würde einem neuen Staatsstreich mit Gewalt entgegentreten. Die Christdemokraten forderten am gleichen Tag den Rücktritt des Präsidenten und die Neuwahl des Abgeordnetenhauses. Angesichts dieser Entwicklungen soll sich Salvador Allende am Abend es 9. September dazu entschlossen haben, ein Plebiszit über die Fortsetzung seiner Amtszeit vorzuschlagen. Die Kommunistische Partei wie auch einige Christdemokraten des linken Flügels unterstützten den Plan, während die Sozialisten ihn ablehnten. Am nächsten Tag wollte Allende über den Rundfunk und das Fernsehen die Abstimmung ankündigen. Warum dies nicht geschah, ist noch heute umstritten.

Der Aufschub war fatal: Am 11. September 1973 schlug das Militär zu. Im ganzen Land  übernahmen Heereseinheiten die Kontrolle. Um 8.00 Uhr forderten die Oberbefehlshaber von Heer, Marine und Luftwaffe und der Oberbefehlshaber der Polizei den Präsidenten zum Rücktritt auf. Um die Mittagszeit griffen Flugzeuge der Luftwaffe die Moneda an. Allende erkannte, dass die Lage aussichtslos war und ging auf das Ultimatum der Militärs ein. Als die Soldaten um 14.00 Uhr den Präsidentenpalast betraten, fanden sie Allende tot vor: Er hatte sich erschossen.

Eine Militärjunta unter der Führung von General Pinochet übernahm die Macht. Im Juni 1974 ernannte sich Pinochet zum Präsidenten. Die Parteien der UP wurden verboten, den Christdemokraten und den Gewerkschaften wurde jede Betätigung untersagt, die Nationalpartei löste sich auf. In den Wochen nach dem Putsch wurden Tausende verhaftet, gefoltert und ermordet. Während es unter Allende, der angeblich aus Chile ein zweites Kuba machen wollte, keine politischen Gefangenen gab, waren nun die Gefägnisse überfüllt. Die Militärs nutzten das Nationalstadion von Santiago, um dort politische Häftlinge unterzubringen.

Der Ostblock beließ es bei Protesten und kaufte schon bald von der Junta chilenisches Kupfer. Die Reaktionen in Westeuropa waren gespalten. Kommunistische und sozialdemokratische Parteien verurteilten das Regime. Die europäischen Christdemokraten und Konservativen machten keinen Hehl daraus, dass sie den Staatsstreich begrüßten. Besonderen Widerhall fand der Putsch in Deutschland. Bürgerliche Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und die WELT hielten die Machtübernahme durch das Militär für nötig. Innerhalb der CDU relativierte man die Menschenrechtsverletzungen und zählte Chile wieder zur ›freien Welt‹. Aber auch die sozialliberale Koalition ging nach Protesterklärungen zur Tagesordnung über.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.