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Das Jahr 1972: Die Krise verschärft sich

Im Jahr 1972 nahm die Polarisierung zu. Innerhalb der Unidad Popular diskutierte man auf zwei Strategietreffen den Kurs. Die Kommunisten unterstützten klar die Politik von Allende und wollten verhindern, dass sich die gemäßigten Radikalen von der Unidad Popular trennten. Die Sozialistische Partei dagegen setzte zunehmend auf außerparlamentarische Aktionen. In der Agrarpolitik herrschten besonders starke Meinungsverschiedenheiten. Bei illegalen Landbesetzungen kam es zu Zusammenstößen des MIR mit der Polizei. Rechtsextremisten töteten Bauern, die nun Böden bewirtschafteten, der früher Großgrundbesitzern gehört hatten.

Die wirtschaftliche Entwicklung bereitete der Regierung zusätzliche Probleme und stärkte die Opposition. Noch 1971 wuchs das Bruttosozialprodukt um 8,5 Prozent. Die Löhne der Arbeitnehmer stiegen im Durchschnitt um 35 Prozent. Arbeitslosigkeit und Inflation sanken.

Doch die Anzeichen für einen Umschwung waren da. Die Nationalisierung des Kupfers rief den Widerstand nordamerikanischer Konzerne auf den Plan. Die Firmen versuchten 1972  – unterstützt von der amerikanischen Regierung – einen weltweiten Boykott des chilenischen Kupfers durchzusetzen. Die Erlöse im Export stagnierten und damit auch die Devisenzufuhr.

Hinzu kamen wirtschaftspolitische Fehler der Unidad Popular. Die planlose Verstaatlichungspolitik führte zu Einbrüchen bei der Produktion. Die unter staatlicher Kontrolle stehenden Unternehmen wurden teilweise ineffizient geführt. Unternehmer, die noch nicht vom Dekret 502 betroffen waren, hielten sich mit Investitionen zurück. Dem durch die Lohnsteigerungen  entstandene Kaufkraftüberhang stand kein entsprechendes Warenangebot gegenüber. Ähnliche Probleme warf die Forcierung der Landreform auf. Die Regierung musste Lebensmittel einführen, was Devisen kostete; Devisen, die für Investitionen vor allem im staatlichen Sektor fehlten.

In vielen Bereichen kam es zu Versorgungsproblemen. Vor Lebensmittelgeschäften bildeten sich lange Warteschlangen. Frauen aus den bürgerlichen Vierteln veranstalteten »Märsche der leeren Töpfe«. Daneben blühte ein Schwarzmarkt, dessen Preise für die Ärmeren unerschwinglich waren. Allende führte Gespräche mit den Christdemokraten und entließ schließlich Wirtschaftsminister Vuscovic. In einer öffentlichen Erklärung am 24. Juli 1972 räumte er Probleme ein, aber zu einer Kursänderung kam es nicht. Es fehlte eine abgestimmte Wirtschafts- und Finanzpolitik im Bereich Investitionen, Agrarproduktion und Devisenbeschaffung.

Am 9. Oktober 1972 traten die Fuhrunternehmer in einen landesweiten Streik. Der Einzelhandel schloss sich an. Die Regierung antwortete mit der Verstaatlichung von Speditionsunternehmen und rief schließlich in 21 Provinzen den Ausnahmezustand aus. Am 15. Oktober ordnete sie die befristete Gleichschaltung der Rundfunksender an.
Die Nationalpartei arbeitete mittlerweile offen auf einen Sturz der Regierung hin. Die bürgerkriegsähnliche Situation wurde schließlich durch einen Kompromiss zwischen der gemäßigten Opposition und Allende entschärft. Der Präsident bildete am 2. November 1972 ein neues Kabinett, in das die Oberbefehlshaber der drei Teilstreitkräfte als Minster eintraten. Ein Heeresgeneral leitete nun das Innenministerium. Zusätzlich berief Allende den Chef der Einheitsgewerkschaft CUT als Arbeitsminister in die Regierung.

Die Unidad Popular war in die Defensive gedrängt, hatte aber die Kraftprobe bestanden. In den Streiktagen organisierten Komitees der UP die Lebensmittelversorgung und bewiesen, dass die  Regierung noch handlungsfähig war. Die radikalen Kräfte in der UP fühlten sich in ihrer Ansicht bestärkt, dass der gesetzliche Weg zum Sozialismus gescheitert war. Allende sollte sich auf die revolutionäre Basis stützen und den offenen Konflikt mit dem Bürgertum suchen.
Die Opposition hoffte auf die Kongresswahlen am 4. März 1973. Alle Abgeordneten des Parlaments und die Hälfte der Senatssitze bedurften einer neuen Legitimation. Würde die Opposition die Zweidrittelmehrheit in beiden Häusern erringen, so konnte sie Allende des Verfassungsbruchs anklagen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.