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Die ersten Monate der neuen Präsidentschaft

Wer war Salvador Allende? Die Präsidentenwahl von 1970 war seine vierte Bewerbung für das höchste Staatsamt in Chile. Der 1908 geborene Allende entstammte dem gehobenen Bürgertum. Er war Mediziner, übte diesen Beruf aber nie aus und entschloss sich früh, Berufspolitiker zu werden. Politisches Engagement war in seiner liberal eingestellten Familie nichts Ungewöhnliches. Der junge Mediziner engagierte sich jedoch in der Sozialistischen Partei. 1937 wurde er in das Abgeordnetenhaus gewählt, ein Jahr darauf ernannte ihn Präsident Pedro Aguierre Cerda zum Gesundheitsminster. Später setzte er seine Karriere als Senator fort. Niemand außer Allende besaß innerhalb der Linken die Autorität, Kommunisten, Sozialisten und die eher bürgerlichen Radikalen an einen Tisch zu bringen. Während in den sechziger Jahren vor allem jüngere Linke dem Vorbild Fidel Castros folgen wollten, glaubte Allende weiter an die Möglichkeit, den Sozialismus mit friedlichen Mitteln erreichen zu können. Allende war Marxist, und er war ein Mann der politischen Praxis. Der Parlamentarismus bot in seinen Augen die Chance, die nötigen Veränderungen ohne Blutvergießen durchzuführen - zumal es in Chile eine demokratische Verfassungskultur gab, wie sie in Südamerika selten war.

Was wollte die Unidad Popular genau? In Ihrem Wahlprogramm strebte sie eine Überwindung des Kapitalismus an. Eine durchgreifende Bodenreform, die Nationalisierung der chilenischen Rohstoffvorkommen, vor allem des Kupfers, Verstaatlichungen von Banken und Schlüsselindustrien, eine verbesserte Gesundheitspolitik und mehr Mitwirkungsmöglichkeiten für die Armen in Stadt und Land waren ihre Ziele.

In der Gesellschaft gab es Mehrheiten für grundlegende Reformen. Schon 1964 hatte Eduardo Frei bei seinem Amtsantritt eine »Revolution in Freiheit« versprochen. Immerhin konnte 1967 ein Agrarreformgesetz verabschiedet werden, das die teilweise Enteignung von Großbesitzungen ermöglichte, soweit der Landbesitz 80 Basishektar fruchtbaren Bodens überstieg. Auch die Kupfervorkommen lagen 1970 nicht mehr ausschließlich in den Händen amerikanischer Konzerne. Die Regierung Frei hatte in Verhandlungen 51 Prozent der Aktienanteile erworben. Außerdem gelang es dem christdemokratischen Präsidenten eine Verfassungsreform durchzustzen, die dem Staatsoberhaupt mehr Eingriffsmöglichkeiten in die Wirtschafts- und Sozialpolitik gab. Die chilenischen Christdemokraten wollten – auch unterstützt von der deutschen CDU – durch Reformen die Armut bekämpfen und den Mittelstand fördern. An die anderen Länder in Mittel- und Südamerika sollte das Signal ausgehen, dass eine Reform des Kapitalismus möglich sei.

Die neue Regierung unter Präsident Allende ging sofort daran, ihr Wahlprogramm umzusetzen. Dem Parlament und dem Senat wurde ein Gesetz vorgelegt, das die endgültige Nationalisierung des Kupfers vorsah. Sozialpolitische Sofortmaßnahmen wie die Ausgabe eines halben Liters Milch an jedes Kind unter 15 Jahren und die Verteilung an Schulkleidung für bedürftige Schüler sollten deutlich machen, dass die Unidad Popular es ernst meinte mit dem Ziel der Armutsbekämpfung. Ein weiteres wichtiges Gesetzesvorhaben sah die automatische Angleichung der Löhne und Gehälter an die Inflation vor. Die Landreform wurde wesentlich entschiedener durchgesetzt als unter der Regierung Frei.
Auch in der Außenpolitik setzte Allende Zeichen und löste sich von der einseitigen Westorientierung seiner Vorgänger. Mit Kuba, der DDR, der Volksrepublik China, Nordkorea und Nordvietnam wurden diplomatische Beziehungen angeknüpft. Der Elan trug Früchte: Bei den Kommunalwahlen am 4. April 1971 erreichte die Unidad Popular 50,8 Prozent der Stimmen. Die Sozialisten hatten deutlich hinzu gewonnen; die Opposition wirkte wie gelähmt. Doch gerade die Erfolge der ersten Monate sollten Allende bald vor schwere Probleme stellen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.