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von Katharina Kellmann

Am 11. September 1973 putschte das chilenische Militär gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende. Allende nahm sich das Leben, als Soldaten den Präsidentenpalast, die Moneda, stürmten. Chile zählte fortan zu den Militärdiktaturen in Südamerika.

Am 4. September 1970 hatte Allende als Kandidat des linken Parteienbündnisses Unidad Popular (UP) die Präsidentschaftswahl gewonnen. Mit 36,6 Prozent der abgebenen Stimmen konnte er sich knapp vor dem konservativen Kandidaten Jorge Alessandri behaupten, den 35,3 Prozent der Chilenen wählten. Radomiro Tomic, der Anwärter der Christdemokraten auf das Amt des Staatsoberhauptes, landete mit 28,1 Prozent auf Platz drei. Ein Marxist hatte sich in freien Wahlen gegen einen Konservativen und einen Christdemokraten durchgesetzt.

In den folgenden Wochen versuchten die USA, die in der Andenrepublik wirtschaftlich stark engagiert waren, Druck auf die chilenischen Christdemokraten auszuüben. Dabei kam der stärksten chilenischen Partei eine Schlüsselrolle zu, denn nach der Verfassung von 1925 musste der Kongress, also die Abgeordneten des Parlaments und des Senats, den Präsidenten bestimmen, wenn ein Kandidat im ersten Wahlgang nicht die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten hatte. In der Verfassungspraxis hatte sich das Prinzip durchgesetzt, dass der Sieger des ersten Wahlgangs bestätigt wurde. Da die UP im Kongress keine Mehrheit hatte, kam es auf die Stimmen der christdemokratischen Ageordneten und Senatoren an. Die Konservativen, organisiert in der Nationalpartei (NP), setzten auf den politischen und ökonomischen Druck der USA. Zwischen der chilenischen Oberschicht, die die NP politisch repräsentierte, und den Vereinigten Staaten gab es enge Beziehungen.

Neben dem ökonomischen Druck, bei dem schon 1970 Rating-Agenturen eine Rolle spielten, gab es auch Pläne, die innenpolitische Situation durch Attentate zu erschüttern. Der Kongress sollte gezwungen werden, Allende nicht zu bestätigen und statt dessen Jorge Alessandri, den knapp unterlegenen Spitzenkandidaten der Nationalpartei, zu wählen. Alessandri sollte nach kurzer Amtszeit zurücktreten und damit hätte der noch amtierende christdemokratische Präsident Eduardo Frei, dem aufgrund der Verfassung eine Kandidatur für eine zweite Amtszeit versagt war, erneut antreten können.

Die Christdemokraten entschieden sich schließlich für die Wahl Allendes, nachdem der Kandidat der UP eine Erklärung abgegeben hatte, dass er die demokratische Verfassung respektierte und keine Diktatur des Proletariats anstrebte. Als der Oberbefehlshaber des Heeres am 22. Oktober 1970 den Folgen eines Attentats von Rechtsradikalen erlag, war endgültig klar, dass nur die Bestätigung von Salvador Allende für Stabilität sorgen könnte. Am 24. Oktober 1970 wählte der Kongress den Spitzenkandidaten der UP mit 153 von 195 Stimmen zum Staatspräsidenten. Zwei Monate nach dem ersten Wahlgang übergab Eduardo Frei die Amtsgeschäfte seinem Nachfolger. Ein marxistischer Sozialist stand nun an der Spitze Chiles. Würde das Land zu einem zweiten Kuba werden oder ergab sich hier, zwei Jahre nach dem Prager Frühling, die historische Chance zu beweisen, dass Demokratie und Sozialismus keine Gegensätze sind?

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Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur. – Homepage

Katharina Kellmann: Rubikon

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.