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Nun ziehen sie wieder in deutschen Großstädten. In Köln findet der CSD statt. Für alle, die in unseren genderbewegten Zeiten noch nicht wissen, was das bedeutet: Das Kürzel CSD steht für Christopher Street Day. Dort, im New Yorker Stadtteil Greenwich Village, kam es am 28. Juni 1969 zu einer Straßenschlacht zwischen Transsexuellen, Drag Queens und der Polizei.

Seit dem Ende der 70er-Jahre wird auch in Europa mit Demonstrationen oder ›Paraden‹ an das traurige Ereignis erinnert. Stand zuerst noch der politische Charakter, also der Protest gegen Polizeiwillkür und staatliche und gesellschaftliche Diskriminierung im Vordergrund, so ist der CSD mittlerweile zum karnevalesken Happening degeneriert. Außerdem haben Homosexuelle den CSD für sich entdeckt und instrumentalisiert. In einer Großstadt wie Köln trifft sich am CSD in der Innenstadt die ›Community‹, um die eigene Sexualität zu feiern. Wobei die Anmerkung gestattet sei, dass Transsexualismus nichts mit Sexualität, sondern mit der geschlechtlichen Identität zu tun hat.

Mittlerweile sollte man sich überlegen, ob man mit seinen kleinen Kindern an diesem Wochenende in der Kölner Innenstadt spazieren gehen möchte. Die Wahrscheinlichkeit, halbnackten Gestalten und merkwürdigen Fummeltrienen über den Weg zu laufen, ist nicht gering.

So mancher Kölner macht hinter vorgehaltener Hand keinen Hehl daraus, dass ihn dieses Spektakel anekelt. Sollen die Leute doch leben, wie sie wollen, aber sich nicht auf solch' peinlich-provozierende Art in der Öffentlichkeit darstellen. Doch die politische und gesellschaftliche Prominenz in der Domstadt reißt sich mittlerweile darum, am Sonntag auf einem der Wagen mitfahren zu dürfen. Auch für einen Politiker der CDU ist dies mittlerweile ein ›Muss‹. Vor dem Kölner Rathaus hisst man die Regenbogenfahne und die Kölner Oberbürgermeisterin feiert in einer Stellungnahme die Toleranz und Weltoffenheit ihrer Stadt. Außerdem macht die Gastronomie an diesen Tagen gute Gewinne.

Aber wie steht es um das ursprüngliche Ziel des CSD? Ist dieser Rummel hilfreich, wenn es darum geht, Vorurteile und Diskriminierungen zu bekämpfen?

Ich bin da skeptisch. Natürlich ist unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten toleranter geworden. Die Ehe für Alle konnte endlich 2017 durchgesetzt werden. Wenn Gesellschaften sich gegenüber Minderheiten öffnen, so gibt es dennoch Menschen, die es als anormal empfinden, dass Männer eben Männer lieben oder sich als Frau empfinden. In einer pluralistischen Gesellschaft muss es möglich sein, diese Meinung sachlich zu äußern. Nur wenige sind dazu in der Lage. So manche Stellungnahme in neokonservativen Blogs – meist verfasst von ehemaligen Linken – tarnt ihre Verachtung mit einem geschliffenen Stil. So wachsen seit Jahren wieder Homo- und Transphobie.

Außerdem sollte sich die sogenannte ›Szene‹ einmal fragen, ob sie mit ihrem Verhalten, vor allem beim CSD, nicht Vorurteile schürt. Warum muss man auf seine Homosexualität oder Transsexualität stolz sein? Warum muss man offen bekunden, dass man in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften lebt? Muss man sich peinlich-provozierend kleiden, so als ginge man zu einem Casting für ein Remake von Charlies Tante?

Während homosexuelle Menschen gute Chancen haben, in der Öffentlichkeit unerkannt zu bleiben, so ist dies bei transidenten Menschen meist nicht so leicht. Es beginnt mit einem Verfahren vor dem Familiengericht, das Zweifel daran weckt, ob wir die Aufklärung schon hinter uns haben.

Nicht unerheblich sind zuweilen die Probleme im Beruf. Nicht jeder Arbeitgeber oder Dienstherr reagiert mit Verständnis (obwohl er natürlich tolerant und aufgeschlossen ist). Die meisten Zeitgenossen interessieren sich aber zum Glück mehr für das eigene Leben. Oft waren es nach meiner Erfahrung eher konservativ-bürgerliche Menschen, die sich im besten Sinne liberal verhielten. Ein ehemaliger Vorgesetzter von mir sagte beim Vorstellungsgespräch, ich hätte von einem verfassungsmäßigen Recht Gebrauch gemacht und damit sei für ihn alles geklärt.

Worin bestehen also die Probleme? Nach meiner Erfahrung sind es drei Gruppen: Die sogenannten ›Sympathisanten‹, einige Migranten und manche männliche Homosexuelle.

Zuerst zum Typ des ›Sympathisanten‹. In der Regel sind es Frauen, die politisch den Grünen nahestehen. Sie versichern mir ungefragt ihre Unterstützung (haben die keine eigenen Probleme?) und stellen dann Fragen, die man getrost als unverschämt bezeichnen kann. Darauf angesprochen reagieren sie eher verwundert. Denn sie haben sich doch in der ZEIT oder auf WDR 5 über das Thema informiert. Warum ich denn so empfindlich sei? Werte Geschlechtskolleginnen: Es gibt sicher noch genug Ehrenämter, in denen Sie ihren undifferenzierten Humanismus ausleben können.

Eine echte Gefahr für Homosexuelle und Transsexuelle kann von Migranten ausgehen. Wenn man Glück hat, bleibt es bei verbalen Übergriffen. Für alle politisch korrekten Zeitgenossen: Ich stelle nicht jeden Ausländer unter Generalverdacht, aber die Gefahr, von einem Migranten beleidigt oder sexuell missbraucht zu werden ist größer als bei einer deutschen Dumpfbacke, die immer noch glaubt, Adolf Hitler hätte das deutsche Verkehrsnetz verbessert.

Ebenso ist es bei männlichen Homosexuellen: Ein Pauschalverdacht ist menschenunwürdig. Aber einige Angehörige dieser Spezies halten sich für auserwählt. Sie sind die besseren Menschen und besonders sensibel.

Um noch einmal auf den CSD zurückzukommen: Er ist in meinen Augen sinnlos. Dieser karnevaleske Rummel hat für den deutschen Gutmenschen eine Alibifunktion. Die Lokalpolitiker können sich als empathisch darstellen und die Gastronomie verdient.

Das ritualisierte Bekenntnis zur eigenen Sexualität oder geschlechtlichen Identität schadet in meinen Augen eher den Betroffenen. Müssen Heterosexuelle der Öffentlichkeit mitteilen, dass sie heterosexuell sind? Die beim CSD gehaltenen Sonntagsreden ändern nichts an Benachteiligungen oder Diskriminierungen, die zwar nicht die Regel sind, die es aber gibt. Da können und müssen die Betroffenen sich wehren – unser Rechtsstaat hält Möglichkeiten bereit.

Jeder oder jede von uns muss sich entscheiden, wie sie ihr ›neues Leben‹ gestaltet. Denn wir sind weder besser noch schlechter als andere Menschen. Wenn einige Freizeitphilosophinnen im Internet verkünden, wir hätten aufgrund unseres Lebensweges mehr Einfühlungsvermögen, dann hilft wohl nur noch ein Facharzt für Psychiatrie. Einige engagieren sich in Selbsthilfegruppen. Mir ist so etwas ein Gräuel und die ganzen Genderdiskussionen interessieren mich nicht.

Ich hoffe, dass es mal eine Zeit geben wird, in der man getrost auf einen CSD verzichten kann und nicht die Rede davon ist, der Maler X sei homosexuell oder die Pilotin Y sei mal eine Frau gewesen. Erleben werde ich das nicht mehr. Aber für nachfolgende Generationen sehe ich gute Chancen.

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Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur. – Homepage

Katharina Kellmann: Rubikon

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.