Was waren das noch für Zeiten? Alfred Dregger, in den siebziger und achtziger Jahren Frontmann der deutschen Nationalkonservativen in der CDU, warnte den deutschen Bürger vor den Sozis, die eine andere Republik wollten. Wenn in der ersten Hälfte der siebziger Jahre die Jungsozialisten ihren Bundeskongress abhielten, dann atmete der deutsche Reihenhausbesitzer (nicht selten ein eingeschriebener Sozialdemokrat) auf, wenn am Sonntagabend Willy Brandt verkündete, dass diese Beschlusslage für die Partei nicht verbindlich sei.

Oder denken wir an den Bundeswahlkampf 1976. Freiheit statt Sozialismus, ließ die Union plakatieren und verpasste nur knapp die absolute Mehrheit. Der Erzmarxist Helmut Schmidt hatte im Bundeskanzleramt schon alles vorbereitet: Um Mitternacht hätten erste Vorauskommandos der Jungsozialisten und der IG-Metall die Betriebe besetzt. Die Jusos wollten endlich mal ihr Konzept der systemübergreifenden Reformen erläutern; die Gewerkschafter griffen nach der Bild-Zeitung.

Doch der Bruch mit dem Kapitalismus blieb der Republik und der Führung der SPD erspart. Zu Beginn der achtziger Jahres spitzte sich das innenpolitische Klima noch einmal zu. Willy Brandt und die Mehrheit der SPD hatten 1983 erklärt, sie sähen keine Notwendigkeit, Mittelstreckenraketen mit Atomwaffen in der Bundessrepublik aufzustellen.

Zwischen 1983 und 1987 stritten die Sozialdemokraten noch einmal darüber, ob man mit den Grünen ›eine andere Republik‹ gründen wolle. Eigentlich dachten beide Parteien nur daran, den Christdemokraten Helmut Kohl abzulösen, aber die Uneinigkeit der SPD und der feste Wille von Johannes Rau, die Bundestagswahl zu verlieren und Ministerpräsident in Düsseldorf zu bleiben wurden vom Wähler honoriert.

1990 konnte Bundeskanzler Helmut Kohl noch einmal die SPD als zerstrittene Partei mit einem gespaltenen Verhältnis zum Vaterland vorführen – und die SPD erfüllte ihre Rolle als Wahlverlierer vorbildlich.

1994 scheiterte sie knapp. Kohl reiste als ›Kanzler der Einheit‹ weiter durch die Lande.

Er rechnete fest damit, dass dieses Konzept auch 1998 aufginge. Aber mit Gerhard Schröder, dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten aus Niedersachsen als Kanzlerkandidaten passierte etwas, womit auch die SPD nicht mehr gerechnet hatte: Sie wurde bei den Bundestagswahlen 1998 stärkste Partei und bildete mit den Grünen eine Koalition.

Bis 2002 wussten die sich juvenil gebenden Herrn im smarten Anzug nicht genau, was sie machen wollten. Es gab ein paar innenpolitische Reformen, aber die Arbeitslosigkeit blieb unerwartet hoch. In den ersten 18 Monaten machte Herrn Schröder das Regieren noch Spaß, aber dann dümpelte die Koalition vor sich hin.

Zwei Ereignisse retteten den begnadeten Wahlkämpfer Schröder: das Hochwasser an der Oder und die amerikanische Entscheidung, den Irak anzugreifen, obwohl es keine Beweise für Giftgas in den Händen des irakischen Diktators gab.

Während Schröder auf dem Feldherrnhügel an der Oder beobachtete, wie das Wasser zurückging, stiefelte sein Herausforderer Edmund Stoiber im T-Shirt wie ein Hausvater durch den Matsch. Nein, die Deutschen mögen nun mal Führergestalten. Nur einmal bewies Schröder wirkliche Größe: Er lehnte eine deutsche Beteiligung am Krieg gegen den Irak ab.

Dann tat er 2003 etwas, wozu Konservativen und Liberalen der Mut gefehlt hatte und kürzte als erster Bundeskanzler strukturell sozialstaatliche Leistungen.

Bis heute haben sich die Sozialdemokraten nicht von dieser Politik erholt. Sie mag ja nicht falsch gewesen sein, aber Diskussionen lagen Herrn Schröder nicht. Er trat 2004 vom Amt des Parteivorsitzenden zurück. Ihm folgte Franz Müntefering, der beim Absingen sozialdemokratischen Liedguts immer noch feuchte Augen bekam.

Links von der SPD bildete sich eine neue Partei – die Wahlalternative für soziale Gerechtigkeit. 2007 schloss sie sich mit der PDS zur Linken zusammen und sorgt seitdem für stabile Koalitionen zwischen CDU und SPD. Seit 2013 regieren beide Parteien im Bund. Da gibt es niemanden mehr in der CDU, der glaubt, die SPD wolle die Freiheit bedrohen und den Sozialismus einführen. Wenn sie Glück haben, erreichen die Sozis mittlerweile 16 bis 18%.

Und was macht die SPD? Ich gebe zu, ihre Situation ist nicht einfach. Sie muss viele Kröten schlucken, denn sie hat für einen Wahlkampf weder Geld, noch Ideen oder Personal. Sie nimmt die Rolle ein, die die FDP in den siebziger Jahren erfolgreich spielte. Aber die FDP-Granden konnten wenigstens noch mit der Floskel ›staatspolitische Verantwortung‹ rechtfertigen, dass ihnen auch nach der Wahl ein Dienstwagen zur Verfügung stand.

Nein, diese SPD regt niemanden mehr auf, und das ist das Problem. Ein gewisser Kevin gilt heute schon als Nachwuchshoffnung, auch wenn er meistens nur weiß, was er nicht will. Die sozialdemokratischen Fachminister tun ihre Arbeit; für den Streit sorgen CDU/CSU. Katrin Göring Eckart darf nicht mitregieren, Christian Lindner will nicht. Die AfD zu kommentieren, hieße sie ernst nehmen. Ob die Linke das Zeug zu einer linksdemokratischen Partei hat, bleibt abzuwarten.

Kommen wir zu den Sozialdemokraten zurück. Die Partei fällt mittlerweile unter verschiedene Artenschutzabkommen. Und die Bundeskanzlerin braucht jemand, der nicht widerspricht. Andrea und Olaf werden an den Katzentisch gesetzt.

Wie war das noch, als Helmut Schmidt schon die Besetzung der Hamburger Werften plante? Herbert Wehner wieder sein kommunistisches Parteibuch aus der Tasche gezogen hätte? Und die Jungsozialisten nicht gleich Besoldungsgruppe A 13 (Studienrat), sondern B 10 (Kombinatsleiter, heute Ministerialdirektor) kassiert hätten? Alfred Dregger wäre in eine Militärdiktatur nach Chile ins Exil gegangen.

Aber die Geschichte ist ein offener Prozess. Ich stelle mir vor, wie Markus Söder im Herbst 2018 heimlich die SPD wählt, denn mit der AfD will auch er nicht zusammenarbeiten. Falls er katholisch ist, kann er danach zur Beichte gehen. Und die Sozis könnten nach Jahrzehnten mal wieder Minister im Freistaat werden. Und die Parteiinhalte? Irgend etwas wird es schon zu verwalten geben …

Kellmann Katharina Google Plus

Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur. – Homepage

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