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von Katharina Kellmann

In der Militärgeschichte gibt es berühmte Armeen. Weniger bekannt ist die ›Augsburger Blechbüchsenarmee‹. Es handelt sich um eine Formation, die sich aus Angehörigen der Augsburger Puppenkiste rekrutiert. Eine Blechbüchse bietet dem Körper Schutz, nur der Kopf und die Beine ragen hervor. Auf Kommando ist der Büchsensoldat in der Lage, sich in seine Blechbüchse zu verkriechen. Besonders vorteilhaft wirkt sich diese Ausrüstung aus, wenn der Blechbüchsensoldat seine befestigte Stellung auf einem Hügel verlässt. In Sekundenschnelle rollt er den Abhang hinunter und überrascht dadurch den Gegner.

Wenn sie den Hügel hinuntergerollt ist, liegt die Blechbüchsenarmee regungslos da. Zwar kann sie nicht zum Angriff übergehen, aber gegen herkömmliche Waffen wie Fußtritte oder das Bespucken mit Kirschkernen ist sie ausreichend gewappnet. Ihre Regungslosigkeit – manchmal als Zeichen der Schwäche und Ratlosigkeit missverstanden – bringt den Gegner aus dem Konzept. Nach einer gewissen Zeit muss der Feind einsehen, dass Krieg keinen Sinn hat und geht nach Hause. Damit ist der bewaffnete Konflikt beendet.

Kritiker vergleichen die Augsburger Blechbüchsenarmee etwas despektierlich mit dem bayerischen Kontingent für das Bundesheer zwischen 1815 und 1866 oder der italienischen Armee im Zweiten Weltkrieg.

Dazu nur zwei Anmerkungen. Zuerst zu den Bayern. Im preußisch-österreichischen Krieg brachen die bayerischen Truppen frohgemut auf, um den preußischen Armeen in die Flanke zu fallen. Ein österreichischer Verbindungsoffizier berichtete seinen Vorgesetzten, dass diese Soldaten nicht zu unterschätzen wären – Hauptsache, sie bekämen ihre tägliche Bierration. Außerdem waren die Bayern für ihre hervorragenden Sangeskünste bekannt: Ach, wenn die Preußen wüssten, dass sie morgen sterben müssten, lautete ihr Schlachtruf.

Über die italienische Armee im Zweiten Weltkrieg mag man sagen, was man will. Aber die italienische Generalität warnte Mussolini 1940 vor einem Kriegseintritt. Während der angeblich unfehlbare deutsche Generalstab glaubte, man könne Russland in acht Wochen besiegen, (das Land ist ja so klein und der ›Iwan‹ macht es nur mit Masse, das kriegen wir schon hin …) konnte ein normaler italienischer General bis drei zählen und wusste, dass dieser Krieg ein übles Ende nennen wird.

Deshalb ist es Zeit, an die Augsburger Blechbüchsenarmee zu erinnern. An Disziplin mangelte es ihr nicht; mit einem schneidigen Lied verließ sie ihr Quartier und marschierte ins Grüne. Irgendwo war sicher ein Berg, auf dem man abrollen konnte. ›Rolle, rolle, roll‹, lautete ihr Schlachtruf. Das hat überhaupt nichts mit ›Alle Räder rollen für den Sieg‹ zu tun. Die Losung war Teil ihrer Identität. Hatte es sich ausgerollt, rappelte man sich auf und marschierte nach Hause – friedlich, wie es sich gehört.

Als Historikerin beschäftige ich mich ab und zu mit militärgeschichtlichen Themen, aber groß ist mein Respekt für die Kriegerkaste nicht. Ich verkenne nicht, dass diese Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen – aber wozu? Angeblich soll es früher üblich gewesen sein, dass der Mann sich erst ›Im Felde‹ zu bewähren hatte, ehe er eine Frau ›freien‹ konnte. Ob diese Männer nicht möglicherweise reine Nervenbündel waren, die Ehefrau mit einer Geschlechtskrankheit ansteckten und ihre Energie im Schlachtengetümmel verbraucht hatten, sodass sie im Zivilleben zu nichts zu gebrauchen waren (der Leser weiß schon, was ich meine) – das ist noch die Frage.

Ich bin keine Pazifistin, aber ich finde, alle Mitgliedsländer der UN sollten ihre Streitkräfte auf die Bewaffnung mit Blechbüchsen umstellen. Einmal im Jahr gäbe es dann den großen ›Roll‹ – wie früher die Manöver von NATO oder Warschauer Pakt. Eine internationale Jury beurteilte die Armeen. Wurde das Abrollmanöver in Formation durchgeführt? Wurde ordentlich aus- und abgerollt? Wie hörte sich der Schlachtruf ›rolle, rolle, roll‹ an? Am Schluss singen dann alle das Lied der Blechbüchsenarmee: Zwo, drei, vier, marschieren wir.

Danach gibt es dann für jeden ein Bier und eine Bockwurst – wie beim Hauptmann von Köpenick.

(Bildquelle wikipedia)

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Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur. – Homepage

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.