von Katharina Kellmann

Nun rollte der Ball wieder; Deutschland war eine Turniermannschaft und der Schiedsrichter war auch gegen uns. Ich bin kein großer Fußballfan, aber einer EM kann man sich nicht so ganz entziehen – immer nur Arte schauen überfordert mich zudem.

Nein, ich möchte mich jetzt nicht mit dem Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der Fußballeuropameisterschaft 2016 befassen. Hier geht es um einen Sportreporter, wie es ihn heute nicht mehr gibt: Ernst Huberty.

Ernst Huberty blieb sachlich, hob selten die Stimme und Floskeln, wie ›da rollt der Ball ins Aus‹ hörte man nie. Auch wenn es hoch herging, hatte man das Gefühl, Ernst Huberty berichtete über das Geschehen so, als sei er Butler bei einem englischen Lord. Ein Butler wird auch darin ausgebildet, die größten Eskapaden seines Dienstherrn gleichmütig hinzunehmen und Auswege aus delikaten Situationen zu finden. Wenn seine Lordschaft gegen Mittag erwacht und einen schweren Schädel hat, dann ist es Aufgabe des Butlers, die Kopfschmerztablette mit der Bemerkung zu servieren, die ständigen Wetterumschwünge seien in der Tat eine Belastung für den Kreislauf. Die jugendliche Begleiterin seiner Lordschaft, die am frühen Morgen das Zimmermädchen in helle Aufregung versetzt hatte, weil sie nicht zum Kreis der ständigen Gäste gehörte, hätte der Butler schon hinauskomplimentiert, ihr ein Taxi bestellt und ihr durch einen Obolus zu verstehen gegeben, dass seine Lordschaft ihr für den Abend danke, aber die nächsten Wochen auf dem Lande verbringen werde und damit nicht erreichbar sei.

Gab es auf dem Platz ein Gerangel, ja nahm das Geschehen auf dem grünen Rasen ein Ausmaß an, das mit ›Fair Play‹ nichts mehr zu tun hatte, bewahrte Ernst Huberty immer noch die Contenance. Er verband das leidenschaftliche Interesse für den Sport mit einer lakonischen Art und einer Sachlichkeit, wie man sie heute leider selten findet – oder die vom Publikum nicht mehr gewollt wird. Als bei der WM 1974 die deutsche Mannschaft im letzten und entscheidenden Zwischenrundenspiel gegen die favorisierten Polen anzutreten hatte, war der Platz nach stundenlangen Regenfällen unbespielbar. Aber der Schiri pfiff trotzdem an und Huberty meinte nur trocken: ›Das ist eine regelrechte Seenplatte‹. Als die russische Nationalmannschaft und ihr Spitzenspieler Oleg Blochin einen schlechten Tag hatten, deutete er dies nur knapp an: ›Ein Spiel ohne Oleg Blochins Dribbling ist wie eine schöne Frau, der ein Auge fehlt.‹ 2016 würden politisch korrekte ZeitgenossInnen Huberty für diese Worte geißeln und ihm Frauenfeindlichkeit unterstellen.

Sportreporter kommen mir heute vor wie Dampfplauderer, die ihre Erregung in das Mikrofon schreien. Oder sie geben Banalitäten von sich, die dem Statement eines Politikers am Wahlabend alle Ehre machen würden: Drei Tore Rückstand hat die deutsche Mannschaft, und es wird sehr schwer, diesen Rückstand noch aufzuholen, da muss die Mannschaft kämpfen, da muss sie noch einmal alles geben, und jetzt wechselt Jogi Löw aus …blablabla.

Was hätte Ernst Huberty gesagt? 0:3 gegen Deutschland und Bundestrainer Schön hat sich entschlossen, die Nr. XY aus dem Spiel zu nehmen und YZ als Ersatz zu bringen. Wollen wir hoffen, dass unserer Mannschaft die Wende gelingt. Denn dass man mit drei Toren Rückstand ziemlich schlecht da steht und etwas geschehen muss, weiß jeder Zuschauer.

War das Spiel zu Ende, verabschiedete sich Ernst Huberty und wünschte den Zuschauern einen ›Guten Abend‹. Heute geht die Dampfplauderei nach dem Abpfiff erst richtig los. Spieler werden nach den Ursachen der Niederlage befragt und dürfen auch Statements darüber abgegeben, wie das Ergebnis auf die Mannschaft wirkt. Im Studio meldet sich das Reporter Duo, bestehend aus einem Journalisten und einem ehemaligen Nationalspieler und analysiert sachkundig das Spiel. Woran hat es gelegen, dass nach dem 0:2 unsere Mannschaft endgültig den Faden verlor? (Ich vermute mal, der Gegner war einfach besser.) Oder der ›Altinternationale‹ muss dem Reporter erklären, wie er sich nach einer solchen Niederlage fühle und wie es mit der Mannschaft weitergehe. Meistens folgt dann noch so eine Art Fußball-Talkshow, wo ein ›Comedian‹ Franz Beckenbauer imitiert und wieder einmal über die Krise des deutschen Fußballs lamentiert wird. Die Teilnehmer sind leger gekleidet und nehmen alles ganz locker. So sind wir Deutschen ja – keine Frage.

Ernst Huberty war ein Herr, immer korrekt gekleidet und machte den Fußball auch für Menschen verständlich, die sonst kein Interesse für den Lieblingssport der Deutschen hatten. Dass heute seine erste Reportage wohl auch die letzte wäre, zeigt, wie sehr sich unsere Gesellschaft verändert hat. Nicht immer zum Guten –wie ich finde.

   

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Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur. – Homepage

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