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Kategorie: Personen

von Christoph Jünke

Der deutsch-österreichische Gesellschaftstheoretiker und Sozialphilosoph Leo Kofler (1907-1995) gehört zu den produktivsten und vielfältigsten Denkern des deutschsprachigen Nachkriegsmarxismus. Seine fast 40 Bücher und Broschüren umspannen ein halbes Jahrhundert und behandeln so unterschiedliche Themen wie die Geschichte und Theorie der bürgerlichen Gesellschaft, die Soziologie und Philosophie, die Ästhetik und Anthropologie.

Das Verbindende und Konstante dieses Werkes, dessen Schätze noch kaum gehoben sind, sind sicherlich das dialektische Denken und die Betonung der sozialistisch-humanistischen Ziel-Idee eines »ganzen Menschen«, sein lebenslanges Festhalten am alten Projekt einer umfassenden Entfaltung des menschlichen Wesens als eines zur Emanzipation gleichermaßen befähigten wie verdammten Gattungswesens. Dies brachte ihn nicht nur in Gegensatz zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, deren Ideallosigkeit er immer wieder treffend charakterisierte, sondern auch in Gegensatz zu vielen linken Strömungen, die nicht selten aus der Not eine Tugend machen und Beschädigungen vielfacher Art billigend in Kauf nehmen.

Vom Judentum zur Arbeiterbewegung

Geboren wurde Leo Kofler am 26.April 1907 als ältestes von zwei Kindern im ostgalizischen Chocimierz, einem winzigen Flecken im äußersten Nordosten der ehemaligen Österreich-ungarischen Habsburgermonarchie. Das in der heutigen Westukraine gelegene Ostgalizien gehörte nicht nur zu den ärmsten Grenzregionen Europas, es war auch die Heimstatt jenes später von Faschismus und Krieg zerstörten osteuropäischen Judentums, dessen integraler Teil auch die Familie Kofler war. Sowohl Mutter Minna als auch Vater Markus Kofler entstammten, soviel wir wissen, jüdischen Grundbesitzerfamilien, was den Kindern eine zwar bescheidene, aber doch relativ sorgenlose Kindheit in zwar traditionaler, aber liberaler Familienumgebung ermöglichte. Jüdische Orthodoxie wurde zwar im väterlichen Zweig der Familie, anders als im mütterlichen, noch großgeschrieben, doch bereits Vater Markus hatte sich bereits weitgehend gelöst von ihr.

Es ist der Erste Weltkrieg, der den noch jungen Leo Kofler zu einem Grenzgänger werden lässt. Als Kind dieses osteuropäischen Judentums musste der Achtjährige kriegs- und familienbedingt (aus Angst vor dem Antisemitismus der zaristischen Armee) die ostgalizische Heimat verlassen und mit seiner Familie nach Wien übersiedeln. Regional wechselte er damit vom Grenzland in die Metropole der Habsburger Doppelmonarchie – eine der Hauptstädte der europäischen Moderne des beginnenden 20.Jahrhunderts –, kulturell und sozial aus dem von Armut und Rückständigkeit geprägten Milieu des osteuropäischen in das auf Assimilation setzende Milieu des mitteleuropäischen Judentums.

Im »Roten Wien« der Zwischenkriegszeit sollte sich in Kofler das kulturelle Erbe des Judentums mit der modernen Arbeiterbewegung in ihrer klassischen, radikalen Ausprägung mischen. Kofler wurde einer jener »nicht-jüdischen Juden«, die Isaac Deutscher später so treffend beschrieben und analysiert hat. Biografisch und intellektuell geformt in historischen Umbruchsituationen und unter gesellschaftlichen Bedingungen, die keine Versöhnung zuließen mit national oder religiös beschränkten Ideen, wurden diese nicht-jüdischen Juden nicht selten zu einer auf Rationalität und Dialektik beruhenden universalistischen Haltung getrieben. So auch Kofler, der fortan durch und durch dialektisch denken und auf besondere Weise die Suche nach soziologischer Determiniertheit mit dem Betonen eines eingreifenden, zutiefst praktischen Denkens verbinden wird. Auch er, der sich später als marxistischer Anthropologe versuchen wird, wird nicht an ein Entweder-Oder glauben, nicht an den entweder guten oder bösen Menschen. Und auch er wird nie das tätige Prinzip Hoffnung, den optimistischen Glauben an die menschliche Solidarität aus den Augen verlieren. Auch sein Vermächtnis wird dasselbe werden wie das jener anderen großen nicht-jüdischen Juden »– die Botschaft der universellen menschlichen Emanzipation« (I.Deutscher).

Der noch junge Kofler absolvierte die Volks- und Handelsschule in einer Zeit, als in der Sozial- und Bildungspolitik ebenso neue Wege beschritten wurden wie in der legendär gewordenen Wohnungsbaupolitik des sozialdemokratisch regierten Wien. Während die österreichischen Provinzen in bäuerlich-bürgerlichem Konservatismus verharrten, wählten dreiviertel der Stadtbewohner eine Sozialdemokratie, die sich selbstbewusst auf ihre marxistischen Grundlagen berief und den Sozialismus als eine umfassende antikapitalistische Lebensreformbewegung verstand. In diesen roten zwanziger Jahren hat sich Kofler auch emotional von seinen osteuropäischen Wurzeln verabschiedet und wurde zum begeisterten Wiener Sozialdemokraten. Es war das »Rote Wien« der Zwischenkriegszeit mit seiner etwas anderen Arbeiterbewegung, das ihn nachhaltig prägte. Hier im Rahmen eines »Sozialismus in einer Stadt« und eines politischen Bildungssystems, das damals weit über Österreich ausstrahlte, erlebte er eine Partei gleichsam zwischen Reformismus und Bolschewismus, wie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SDAP) genannt wurde, eine reformistische Arbeiterpartei mit revolutionärer Endzielerwartung. Hier politisierte er sich Ende der zwanziger Jahre und wurde zu einem begeistert-begeisternden sozialdemokratischen Bildungsreferenten – halb Aufklärer, halb Volkspädagoge für die rote Sache.

Vom Sozialdemokraten zum Linkssozialisten

Die große Weltwirtschaftskrise von 1929ff. führte nicht nur zum Aufstieg des europäischen Faschismus, sondern auch zu einer Radikalisierung der sozialdemokratischen Jugend des roten Wiens. Im Angesicht der reformistischen Errungenschaften und der braunen Gefahr wollten die Jungen und die Linken mehr und begehrten auf gegen den fatalistisch abwartenden sozialdemokratischen Reformismus ihrer um Otto Bauer herum sich gruppierenden Parteiführung. Die jungen sozialdemokratischen Bildungsreferenten aus Wien wurden zur Avantgarde der Politisierung, zu Trägern einer neuen Linksopposition. Und sie fanden ihren Ideologen auf dem linken Flügel der österreichischen Sozialdemokratie, bei Max Adler, dem zeitgenössischen Philosophen des europäischen Linkssozialismus, der die Jugend explizit zur Revolte gegen den Kapitalismus erziehen wollte und in seiner Erziehungstheorie forderte, dass junge Menschen organisch unfähig werden sollten zur Integration in die vorherrschende Gesellschaft.

Leo Kofler war einer dieser politisierenden Bildungsreferenten. Und für viele Jahre wurde er zum entschiedenen Anhänger und Schüler Max Adlers, besuchte dessen Vorlesungen an der Universität und arbeitete rege mit im von Adler geleiteten »Marxistischen Arbeitskreis«, während man gleichzeitig »auf der Walz« durch die Lande reiste oder an der Lobau, dem östlich von Wien gelegenen Donauauengebiet, mit Gleichgesinnten campte, feierte und politisierte. In den letzten Kämpfen dieser ersten Republik stritt Kofler mit Ernst Fischer und vielen anderen für eine linke Opposition, deren Übergänge zur kommunistischen Bewegung in den dreißiger Jahren fließend wurden.

Der scheinbar unaufhaltsame Niedergang der österreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) nahm nichts desto trotz ihren Lauf. Nach ihrem letzten Aufbäumen, dem spontanen und blutig niedergeschlagenen Februaraufstand 1934, wurde sie verboten, die Demokratie zerschlagen und ein österreichischer Ständestaat errichtet. Die Arbeiterbewegung und der Austromarxismus waren in die Illegalität verwiesen und Kofler widmete sich neben gelegentlicher Lohnarbeit nun vollends dem autodidaktischen Studium.

Ein westlicher Marxist in der Schweiz

Dieser zweite Grenzgang Leo Koflers – nach dem Grenzgang vom Judentum zur Arbeiterbewegung nun der Grenzgang vom Sozialdemokraten zum Linkssozialisten – führte in den Jahren nach 1933/34, nach dem politischen Zusammenbruch des sozialdemokratischen Austromarxismus und seiner linken Opposition, zu einer erneuten Wendung im Leben und Denken Koflers. Nach dem Anschluss Österreichs ans faschistische Deutsche Reich floh der gerademal 30-jährige Jude und Marxist 1938 in die neutrale Schweiz. Hier in Basel, in der erzwungenen weltpolitischen Isolation der schweizerischen Arbeitslager und ihrer ebenso politischen wie psychischen Belastung, nahm er seine in Wien begonnenen wissenschaftlichen Studien wieder auf und verkehrte in intellektuellen und kommunistischen Kreisen. Seit Mitte 1940 zum körperlich schweren Arbeitsdienst der Emigranten herangezogen, arbeitete er unter der Woche im Straßenbau und beim Torfstechen, während er sich abends der intellektuellen Rechenschaftslegung in Form der Arbeit an einem Buchmanuskript hingab.

Diese entbehrungsreichen, zur Askese treibenden Verhältnisse sollten nicht nur Koflers Charakter nachhaltig prägen. Sie bilden auch den zeithistorischen Kontext seines theoretischen Reifungsprozesses, denn er schreibt sein erstes Buch (Die Wissenschaft von der Gesellschaft, Bern 1944) als sozialphilosophische Reflexion des gebrochenen Verhältnisses von marxistischer Theorie und Praxis und als Grundlegung eines neuen Marxismus-Verständnisses. Die sozialistisch-marxistische Theorie und Praxis sind erneuerungsbedürftig, so Kofler in diesem theoretischen Grundlagenwerk. Gegen den alten, vulgärmaterialistischen Marxismus sozialdemokratischer wie stalinistischer Provenienz gelte es, das tätige Element, den sogenannten subjektiven Faktor, d.h. die Rolle des Bewusstseins im gesellschaftlichen Sein zurückzuerobern. Die bis dahin in der marxistischen Tradition so wirkmächtige mechanische Trennung von Überbau und Basis wird als der gesellschaftlichen und historischen Praxis unangemessen und undurchführbar zurückgewiesen.

Koflers Erneuerung der marxistischen Theorie und Praxis setzt also vor allem auf die philosophische Tradition eines Georg Wilhelm Friedrich Hegel und seiner Subjekt-Objekt-Dialektik, und auf den jungen Marx und dessen radikalen Humanismus. Das Spezifische des Koflerschen Ansatzes liegt dabei in einem originellen intellektuellen Grenzgang zwischen seinem alten Theorie-Lehrer Max Adler und seinem neuen theoretischen Bezug Georg Lukács. Von Lukács übernimmt er die zentrale Betonung des dialektischen Denkens, Adler bleibt er treu in dessen methodisch zentraler Betonung des Bewusstseins und in seinem soziologischen Denken. So wird er zu einem in vielem nicht untypischen, aber originellen Vertreter des damals aufkommenden »westlichen Marxismus«, der sich mit der tendenziellen Loslösung von den politischen Zusammenhängen ein gehöriges Maß akademisieren wird.

Die mehr praktisch-politische Seite seines Denkens spiegelt sich in seinem zweiten Werk, seiner monumentalen, 1948 in Ostdeutschland veröffentlichten Studie Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft, die die Geschichte des frühbürgerlichen Humanismus gegen den Strich bürstet und dessen innere und äußere Widersprüche verdeutlicht. In antifaschistischem Kontext aktualisiert Kofler die alte Lehre der sozialistischen Arbeiterbewegung, dass die Arbeiterbewegung zum historischen Erbe des frühbürgerlichen Radikaldemokratismus werde, und betont gleichzeitig, dass der in die Krise gekommene Sozialismus sich nur erneuern könne, wenn er dieses frühbürgerliche Erbe auch wirklich ernst nehme, wenn er nicht die soziale Freiheit gegen die politische Freiheit ausspiele, sondern beide Stufen einer welthistorischen Freiheit auf einer höheren, dritten Stufe vereinige. Dem Sozialphilosophen und Gesellschaftstheoretiker geht es dabei wesentlich um die Freiheit zur allseitigen, sowohl individuellen wie kollektiven Entfaltung der menschlichen Gattungspersönlichkeit. Und diese Ziel-Idee eines »schönen Menschen« lässt ihn fortan nicht mehr los. Sie zieht sich durch sein gesamtes weiteres Werk und wird auch der Grund für seinen nächsten, seinen vierten Grenzgang, der abermals wörtlich zu nehmen ist.

Von West nach Ost

Hatte sich Kofler in den dreißiger und beginnenden vierziger Jahren nach links entwickelt und seinen westlichen Marxismus mit reformkommunistischen Hoffnungen verbunden, so teilte er auch die Hoffnungen vieler Zeitgenossen, dass das absehbare Ende von Faschismus und Krieg zur internationalen Ausweitung sozialistischer Revolutionsprozesse und zu einer nachhaltigen Entstalinisierung sowohl im sowjetrussischen Sozialismus wie in der internationalen kommunistischen Bewegung führen würde. Nach Österreich wolle er nicht zurück – von einem wie auch immer erneuerten Austromarxismus wollte dort kaum noch jemand etwas wissen. Europa dagegen war in offener Bewegung und Kofler wurde darauf aufmerksam gemacht, dass im Osten des deutschen Mutterlandes des marxistischen Sozialismus unbelastete, sozialistische Lehrkräfte gesucht wurden. Mit Begeisterung und großen Hoffnungen reagierte er deswegen auf das Anfang 1947 erfolgte Angebot, als Dozent an die ostdeutsche Universität in Halle an der Saale, in die Noch-Nicht-DDR zu gehen: »Ich dachte: Hier hast Du endlich Sozialismus! Mein Traum schien erfüllt.«

Sein erstes Werk, Die Wissenschaft von der Gesellschaft, wurde hier als Doktorarbeit anerkannt und mit Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft konnte sich der Autodidakt danach zum Professor für Geschichtsphilosophie habilitieren. Die ostdeutsche Sozialistische Einheitspartei (SED), deren Mitglied er gleich nach seiner Ankunft in Halle geworden war, hatte ein in vielem an die austromarxistische Bildungstradition erinnerndes, umfangreiches außeruniversitäres Bildungssystem aufgebaut, in welchem auch der Universitätsprofessor Kofler wie selbstverständlich parallel tätig wurde. Als explizit politischer Intellektueller mischte er sich fortan aktiv ein, wollte am Aufbau eines deutschen Sozialismus tatkräftig und selbstbewusst mitarbeiten, und nahm sich dabei ganz selbstverständlich auch die Freiheit, Kritik zu üben an Tendenzen, die er für kontraproduktiv hielt. Entsprechend scharf kritisierte er die aufkommenden Bürokratisierungs- und Stalinisierungstendenzen der neuen SED-Herrschaft und fiel bereits Ende 1949 in Ungnade, trat Anfang 1950 demonstrativ aus der SED aus und floh Ende 1950, von Verhaftung bedroht, als einer der ersten Dissidenten aus der DDR.

Von Ost nach West

Als einflussreicher Intellektueller hatte Kofler in Halle versucht, sozialistische Theorie und Praxis wieder zusammenzubringen und mit seinem westlichen Marxismus den Aufbau des östlichen Sozialismus zu befördern. Doch einmal mehr war der Grenzgänger an die Mauer der historischen und gesellschaftlichen Realität gestoßen. Und es kam zum fünften Grenzgang: Mit seiner neuen Frau Ursula ging Kofler nach Westdeutschland und ließ sich dauerhaft in Köln nieder.

Im westdeutschen Frontstaat des Kalten Krieges regierte der Christlich-Konservative Konrad Adenauer, wurden Kommunisten zu Staatsfeinden gestempelt und vielfältig verfolgt. Und da vermeintlich alle Wege des Marxismus nach Moskau führten, bezahlte auch der bekennende Marxist Kofler für sein linkssozialistisches Bekenntnis mit einer weitreichenden gesellschaftlichen Ausgrenzung. Einzig auf dem linken Rand der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften konnte er sich fortan als Bildungsreferent und Wanderprediger engagieren. Nach dem Aderlass des Nazi-Faschismus war hier der Bedarf an neuen Denkern groß. Und Kofler brachte die dafür notwendigen Qualitäten mit: undogmatisch und originell, zwischen allen theoretischen Stühlen sitzend, war er nicht nur eine markante Persönlichkeit, sondern auch ein begnadeter Redner und Pädagoge. Doch leben konnte man davon nicht und so musste seine Frau für den Unterhalt der Familie sorgen, obwohl auch sie, eine in Ostdeutschland akademisch ausgebildete Lehrerin, lange nicht in ihrem eigentlichen Beruf arbeiten durfte.

Nachdem er sich zu Beginn der 1950er Jahre als marxistischer Stalinismuskritiker einen gewissen Namen erarbeitet hatte, engagierte sich Kofler zunehmend auch als Kritiker des sozialdemokratischen »ethischen Sozialismus«. Nachhaltig kritisierte er den intellektuellen Weg der westdeutschen SPD nach Bad Godesberg, verdeutlichte die philosophischen Irrungen und Wirrungen der einflussreichen ethischen Sozialisten um Willi Eichler, bei denen sich das sozialistische Ziel ins ethisch Unverbindliche verflüchtige und damit einer politischen Bürokratie den Weg bereite, die nicht mehr in der Lage sei, die von Unterdrückung und Entfremdung betroffenen Menschen emanzipativ anzusprechen.

Andererseits hatte er enge Kontakte zum linken Gewerkschaftsflügel um Viktor Agartz und zu linken Intellektuellen wie Wolfgang Abendroth. Und so wurde er als sozialphilosophischer Wanderprediger einer der Köpfe der vergessenen Revolte von 1956. Ein letztes Mal versuchte er den offenen Grenzgang zwischen Theorie und Praxis, mischte sich auch praktisch ein und propagierte eine Neue Linke als dritten Weg zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus. Vergeblich. Das Verbot der westdeutschen Kommunistischen Partei 1956 und der Landesverrats-Prozess gegen den linkssozialistischen Sozialdemokraten Viktor Agartz 1957 führten zu einer umfassenden Kriminalisierung und Ghettoisierung des linken Milieus in der BRD, während im Osten Deutschlands der Harich-Prozess und die Kampagne gegen Ernst Bloch das Ende der kommunistischen Liberalisierungspolitik symbolisierten.

Auch mehrere zwischenzeitliche Versuche, ihm eine dauerhafte Stellung innerhalb der Gewerkschaften oder an den Universitäten zu verschaffen, scheiterten, teils am konservativen Widerstand, teils an seinem Unwillen, sich von solcherart Institutionen und deren bürokratischer Logik gefangen nehmen zu lassen. Man müsse »schon eine besonders starke Persönlichkeit sein, wenn man es fertigbringt, in führende Positionen zu gelangen, ohne dass einem von der Bürokratie das Rückgrat gebrochen würde«, schreibt er 1960 über die spätbürgerliche Bürokratie und formuliert damit auch seine eigene Angst.

Inmitten dieser ersten Generation einer Neuen Linken setzte er sich allerdings intensiv mit den Veränderungen des neuen, sozialstaatlichen Kapitalismus auseinander und entwickelte dabei seine Theorie einer progressiven Elite, die einen intellektuellen wie politischen Ausweg aus den weltgeschichtlichen Blockaden des sich zuspitzenden Kalten Krieges sucht. Die internationale Linke, so Kofler, sei gefangen in der Blocklogik dieses Kalten Krieges, restalinisiere sich in der kommunistischen Strömung und verbürgerliche sich in der sozialdemokratischen. Für einen neuen Ausbruch aus dieser Logik umfassender Bürokratisierung bedürfe es deswegen einer neuen sozialistisch-humanistischen Linken, die sich zumeist an den dissidenten Rändern oder gar ganz abseits von Sozialdemokratie und Parteikommunismus bewege.

Von der heimatlosen zur Neuen Linken

Das nachhaltige Scheitern dieser ersten Generation einer Neuen Linken war zwar nicht nur ein deutsches (so wie die Neue Linke nicht nur ein deutsches Phänomen gewesen ist), doch zeigt diese Entwicklung eine spezifisch deutsche Nachhaltigkeit. Der überall festzustellende Generationsbruch innerhalb der internationalen Linken, die Entfremdung zwischen »56ern« und »68ern«, nimmt hier besonders tiefgreifende Formen an. Die linkssozialistischen 56er werden von den späteren, antiautoritären 68ern weitgehend ignoriert oder belächelt. Kofler, der etwas andere Vordenker einer Neuen Linken, wird von den jungen SDS-Genossen zuerst vergessen und verdrängt, um dann, nach der Revolte von 68 partiell wiederentdeckt zu werden.

Seine politisch-intellektuellen Wege hatten sich aber schon lange nachhaltig von jener Frankfurter Variante des »westlichen Marxismus« getrennt, die auf eine vermeintlich hoffnungslos integrierte Arbeiterschaft nicht mehr setzen wollte. Kofler, gleichermaßen ein heimatloser Linker wie die Vertreter der »Frankfurter« Kritischen Theorie, verstand sich trotz aller Kritik auch weiterhin als organischen Teil der Arbeiterbewegung, als revolutionären Humanisten. Der andauernde Klassenantagonismus schlage sich, so Kofler, auch weiterhin im Bewusstsein des gewöhnlichen Arbeiters nieder und könne, entsprechend konsequent betrieben, auch politisiert werden. Auch im verdinglichten sei kritisches Bewusstsein enthalten und damit auch die Möglichkeit humanistischer Aufklärung. Obwohl er sich selbst als Teil der Neuen Linken betrachtet, wird er jedoch von seinen Zeitgenossen kaum als solcher wahrgenommen. Seine Schriften werden nicht rezipiert und persönlich sich zu engagieren, das lehnte er fortan ab. Noch immer befürchtete der österreichische Staatsbürger für den Fall eines offenen politischen Engagements die mögliche Ausweisung aus seiner neuen Wahlheimat. Erst sehr viel später sollte er selbst zugeben: »Wenn ich ehrlich bin, kam mir das insofern entgegen, als ich mich gerne mehr auf die Theorie konzentriere.«

Von der Neuen Linken zum Epochenbruch

So saß er schließlich noch immer zwischen allen Stühlen, als er zu Beginn der »roten siebziger Jahren«, mit immerhin 65 Jahren, eine neue Wirkungsstätte an der Bochumer Ruhr-Universität fand. Sein überaus origineller Versuch einer theoriepolitischen Vermittlung zwischen Herbert Marcuse und Georg Lukács, zwischen marxistischem Traditionalismus und antiautoritärer Revolte, blieb allerdings weitgehend unbeachtet. Sein ehrgeiziger Versuch einer zu Adorno, Marcuse u.a. alternativen Sozialphilosophie hatte keine Chance bei der jungen Intellektuellengeneration. Kofler galt als altmodisch und seine an Lukács geschulte Ästhetik als dogmatisch. Der Psychoanalyse stand er eher distanziert gegenüber und mit der anderen intellektuellen Modeströmung jener Zeit, mit dem französischen Strukturalismus eines Louis Althusser, der den Marxismus als einen theoretischen Antihumanismus neu erfand, war Koflers revolutionärer Humanismus noch weniger kompatibel.

Kofler blieb also ein Einzelgänger, ein Sonderling, und wirkte nicht schulenbildend. Den Niedergang der Neuen Linken erlebte er mit einer gewissen Bitterkeit. Gerade im Kontext des aufziehenden Postmodernismus und des ideologischen Siegeszuges des internationalen Neoliberalismus, die er im Übergang zu den achtziger Jahren sensibel registrierte und scharf kritisierte, verzweifelte er an den alternativ gewordenen deutschen Linken. Schon früh, in den Jahren 1985/86 erkannte er dagegen den frisch aufkommenden reformatorischen Wind aus dem kommunistischen Osten, machte sich ein letztes Mal auf zu neuen Ufern und sich selbst zum Propagandisten des Gorbatschowismus, in welchem er eine Renaissance des klassischen Sozialismus zu erkennen glaubte. Als das Projekt Gorbatschows 1989/90 scheiterte, nahm schließlich auch Koflers Verbitterung zynische Züge an. Der große Epochenbruch hatte auch ihn ratlos gemacht. Doch er gab sich stoisch-trotzig. Obwohl noch zahlendes Mitglied der österreichischen Sozialdemokratie, sympathisierte er 1990/91 mit der neuen PDS, »der einzigen wirklichen oppositionellen Partei«, und nahm sie gegen Angriffe von Konservativen und Sozialdemokraten in Schutz. Vor allem jedoch wandte er sich gegen ein seiner Meinung nach vorprogrammiertes »gefräßiges Sichaufblähen der BRD auf Kosten anderer Länder«.

Neben gelegentlichen Vortragsreisen, 1990 u.a. in die Noch-DDR, hielt er auch weiterhin jeden Mittwoch seine Vorlesung an der Bochumer Ruhr-Universität, bis ihn 1991 mehrere Schlaganfälle ereilten, von denen er sich nicht mehr erholte. Am 29.Juli 1995 starb Kofler in seiner Wahlheimat Köln.

Die Print-Fassung dieses Beitrages erschien in der Mai-Ausgabe der österreichischen Zeitschrift Zukunft (www.diezukunft.at). Es handelt sich hierbei um eine stark gekürzte Fassung des letzten Kapitels des jüngst erschienenen Buches von Christoph Jünke: »Leo Koflers Philosophie der Praxis. Eine Einführung« (Hamburg: Laika-Verlag 2015).

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

Wikipedia-Eintrag

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