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von Hans von Storch

Alle paar Monate werden wir mit einer neuen Herausforderung konfrontiert, die unserer ganzen Aufmerksamkeit bedarf. Es scheint, dass diese Parade kurzfristig dominanter Themen nicht einfach normalen Aufmerksamkeitszyklen entspricht. Es sind grundsätzliche Herausforderungen an unsere Art zu leben, oder, um es zugespitzt auszudrücken: die Welt zu retten. In normalen Zeiten nehmen Themen wie die unglückliche Liebe einer britischen Prinzessin oder die krisenhafte Zuspitzung des Ende der Bundesliga auch einmal kurz den Platz in der ersten Reihe ein, doch diese trivialen Themen fehlen in letzter Zeit. Auch Themen, die von sozialen Schieflagen, dem wirtschaftlichen Wohlergehen, von spannenden Innovationen berichten, haben zur Zeit keine Konjunktur.

In letzter Zeit geht es um die Rettung der Welt unter Durchsetzung der Moral. Die Themen selbst ändern sich recht kurzfristig und konkurrieren um die Aufmerksamkeit. Bis Februar ging es noch um das Klima, das hunderttausende – meist junge – Menschen auf die Straßen und Plätze trieb, um einzufordern, dass sie auch künftig ein gutes Leben würden führen können. Dabei stand im Vordergrund die Veränderung des Klimas vom ›Normalen‹ zu etwas ›Katastrophalen‹, das die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen bedrohe. Aktion wurde eingefordert, alles, was irgendwie bei der Nutzung von Energie mit dem Einsatz fossiler Brennstoffe zusammenhing, wurde zum Gegenstand von Forderungen und Zorn. Ein ›umweltbesseres‹ Leben müsse her, jedenfalls hierzulande und was im Rest der Welt geschehe, werde unserem guten Beispiel schon folgen.

Grundsätzlich gibt es beim Umgang mit dem menschengemachten Klimawandel zwei Reaktionsmöglichkeiten – die Anpassung an veränderte Verhältnisse und die Minderung der klimaverändernden Treibhausgase. Ein gesellschaftlicher Konsens entstand, dass alle Anstrengungen zur Minderung der Emissionen gerechtfertigt, ja nötig seien, und dass eine ernsthafte öffentliche Beschäftigung mit der Frage der Anpassung kontraproduktiv sei, da so von der Hauptaufgabe der Minderung der Emissionen abgelenkt würde. Aus ›Vermeidung und Anpassung‹ wurde ›Vermeidung‹. Dass bereits Klimawandel eingetreten ist und dieser sich auch bei optimistischster Entwicklung weiter entfalten wird, und daher eine Anpassung gerade der ›Schwachen dieser Erde‹ somit unausweichlich ist, wird geflissentlich übersehen.

Das Thema ›Klima‹ ist schon seit Jahrzehnten ganz oben auf der Agenda öffentlich-westlicher Aufmerksamkeit, und wird es auch noch lange bleiben, einfach, weil der Klimawandel sich eben weiter und deutlicher entfalten wird. Nicht unbedingt so, wie die Weltuntergangssirenen von XR uns wahrsagen, aber doch Änderungen, mit denen umgegangen werden muss.

Im März war von heute auf morgen Schluss mit der täglichen Verabreichung von Ausblicken auf Klimakatastrophen – Corona war angekommen in der öffentlichen Wahrnehmung, mit dem Krankheitsbild von Covid-19. Auch dies ist eine eher nicht sichtbare Gefahr, die aber doch konkret zuschlug, nicht nur in Form medialer Berichte über Krankheit und Tod, sondern auch im persönlichen Tagesablauf – keine Schule, keine Kitas, kein Reisen, kaum Berufsverkehr, die Isolation alter Menschen.

Die beunruhigende Dürre in Teilen Deutschlands interessierte die Öffentlichkeit nicht mehr wirklich; die Klimaaktivisten versuchten vergeblich zu retten, was zu retten ist, indem einerseits – vergeblich – Corona und Klima zu den zwei Seiten einer Medaille erklärt und verkündet wurde, dass Maßnahmen gegen Corona auch wirksame Klimaschutzmaßnahmen seien. Deutlich wurde aber, dass die Wirkung radikaler ökonomischer Einschnitte und individueller Verhaltensänderungen sehr eingeschränkt ist.

Entscheidend für den Umgang mit der Pandemie wurde die Frage, welche Schäden von Corona ausgingen und wie wichtig man diese nehme. Es entstand der Konsensus, dass es nur um die Minimierung der Anzahl der Corona-Infizierten und Corona-Toten ginge, und zwar, vor allem die im Lande. Dass bei der Gelegenheit viele andere mögliche Schäden als insignifikant für den Maßnahmenkatalog erklärt wurden, fiel kaum auf – seien es die in der Klimakrise beklagten Verluste der Jugend (Pädagogen erklären, die Unterbrechung des Unterrichts könne zu nachhaltigen Entwicklungsstörungen bei Jugendlichen führen), seien es Menschen mit schweren Krankheiten (die aus Rücksicht oder Angst medizinische Betreuung meiden), seien es Menschen, die ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage verlieren, seien es Seeleute, die nicht mehr nach Hause kommen – im bundesdeutschen Diskurs waren dies keine relevanten Aspekte beim Umgang mit dem Virus. Fragen nach den gesundheitlichen und wirtschaftlichen Verheerungen im globalen Süden als Folge der Präsenz des Virus und des abrupten Endes des Absatzes lokaler Waren im globalen Norden erreichten die Oberfläche der Nachrichtensendungen und -magazine bestenfalls in homöopathischen Dosen.

Auch dies Thema war eigentlich nicht neu – die Perspektive, dass neue Virusepidemien jederzeit möglich sind, die mit großer Geschwindigkeit Krankheit und Tod über alle Grenzen hinweg verteilen, ist schon lange Allgemeinwissen, und wurde wieder in Erinnerung gerufen, etwa aus Anlass von HIV oder SARS. Aber wenn auch keine endgültige Abhilfe geschaffen wurde durch Impfungen, so verschwand das Thema doch regelmäßig wieder aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Diesmal waren die Maßnahmen einprägsamer, und die Erinnerung wird wohl nicht so schnell verblassen – aber sie wird verblassen.

Dann ein neues Thema: Rassismus. Die Diskriminierung von People-of-Color in den USA – damit sind vor allem Schwarze gemeint – wurde durch die öffentliche Drangsalierung mit Todesfolge eines dunkelhäutigen Menschen in Minneapolis und der Dokumentation zahlreicher weiterer tödlicher Fälle von Polizeiwillkür gegenüber ›black lives‹ unübersehbar, führte zu massiven Unruhen und wurde – kräftig befeuert, vielleicht auch ermöglicht durch die Inkompetenz des Präsidenten der USA – zum dominanten Medienthema. Es kam auch in Europa an, vor allem in Großbritannien, dessen Aufarbeitung als imperiale, ausbeuterische und bevormundende Macht über ein großes Kolonialreich bisher kaum Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit war. Statuen fielen, in England Erinnerungen an Sklavenhändler, in den USA Erinnerungen an Repräsentanten und Akteure der Südstaaten. Dann auch Statuen von Columbus und anderer historischer europäischer Missetäter.

Diese Bewegung kam auch in Deutschland an. In großen Demonstrationen materialisiert sich die Forderung nach menschlichem Umgang mit Geflüchteten und der Anerkennung eines latenten Rassismus – wie er sich etwa ausdrückt in der Gegenwart des Wortes ›Rasse‹ im Grundgesetz oder in indiskutablen Äußerungen und Haltungen von Kant oder Humboldt.

Das Abstandsgebot, die heilige Kuh der Corona-Abwehr, wurde weniger wichtig oder gar unwichtig, sodass sich – der guten Sache wegen – viele Menschen treffen und marschieren, um Neorassismus auch in Deutschland zu demaskieren.

Auch dies Thema ist nicht wirklich neu in Deutschland. Aber Kant wurde wohl erstmals in diesem Zusammenhang angegangen.

Extinction Rebellion, Corona und Antirassismus werden im Zuge der Aufmerksamkeitszyklen weggespült werden, neue Themen werden hervorkommen. Ich sage vorher, dass auch diese vor allem die Utility besitzen werden, den Akteuren zu erlauben, sich als moralisch bewusster, als höherwertig gegenüber anderen darzustellen. Diese Akteure werden sich genötigt sehen, anderen vorzuschreiben, wie man zu denken und zu leben hat, wobei die wirtschaftliche Dimension unbeachtet bleibt. Der Wohlstand, der den Genuss der moralischen Überlegenheit erst ermöglicht, wird dabei als gegeben unhinterfragt angenommen.

Und wir werden uns wieder schnell darauf einigen, dass wir zuallererst etwas werden fordern müssen, und dafür sorgen, dass der Ausdruck unserer Sorge uns als bessere, verantwortungsbewusste Menschen erkennbar macht. Die Welt wird besser, sollte man glauben.

Wir leben in aufgeregten Zeiten!

Rubrik: Zur Sache Klima
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