von Peter Brandt

War es möglich, die Abtrennung und spätere Absperrung der Ostberliner Bezirke, die Insellage Westberlins, den komplizierten Status der Halbstadt (Besatzungsgebiet, faktisch Teil der Bundesrepublik, aber ohne volle politische Teilnahme) als normal zu empfinden? Selbst nach der Beendigung der akuten Bedrohung schien es mir offensichtlich, dass speziell die Berliner Situation nur als Provisorium begriffen werden könne. Es war andererseits nicht zu übersehen, dass viele Jüngere, wenn sie keine verwandtschaftlichen Beziehungen nach Ost-Berlin oder Ostdeutschland hatten, durchaus imstande waren, den anderen Teil der Stadt und das Umland aus der Wahrnehmung auszublenden, jedenfalls als etwas zu betrachten, das mit der eigenen Realität kaum etwas zu tun hatte. Für mich hingegen hatte mein politisch-gesellschaftliches Engagement im Westen immer auch eine gesamtdeutsche Dimension.

Brave Sozialdemokraten schickten früher ihre Kinder zu den »Falken«, ich ging aus eigenem Antrieb zur Evangelischen Jungenschaft. Zu den Falken stieß ich dann 1963 als Vierzehnjähriger – wiederum aus eigenem Antrieb. Das war schon so etwas wie eine erste politische Entscheidung. Innerhalb der Berliner Sozialdemokratie standen die Falken, damals noch eher eine Arbeiterjugendorganisation, auf dem linken Flügel. Sie verstanden sich als Sozialisten marxistischer Prägung und zugleich als dezidierte Antistalinisten. Man ging dort davon aus, dass der Kapitalismus auch in seiner modernen, wohlfahrtsstaatlich gezähmten Version nicht imstande sei, den Klassengegensatz zu überwinden und dauerhaft wirtschaftliche Prosperität zu gewährleisten. Im Ostblocksystem sah man aber nicht die sozialistische Alternative, sondern eine Perversion des Sozialismus, wenn nicht eine historisch neuartige Formation von Klassengesellschaft. Die Sympathie galt denjenigen, die im Osten von sozialistischen Positionen aus gegen die Parteidiktatur wirkten.

In den Falken gab es eine trotzkistische Gruppierung, mit der ich bald sympathisierte und die mich Ende 1966 schließlich »rekrutierte« (so hieß das). Verbunden mit der kleinen Vierten Internationale, war sie als konspirativ arbeitende, aber dennoch nach außen erkennbare Fraktion mit einem geheimnisvollen Schleier umgeben. Sie lieferte, wie ich damals fand, die klarsten Analysen und stand am weitesten links innerhalb des Verbandes. Einer ihrer profilierten Sprecher hatte im Gefolge des 17. Juni 1953 jahrelang in ostdeutscher Haft gesessen.

Bis dahin innerhalb der Sozialdemokratie arbeitend, bildeten meine Freunde und ich 1968/69 eine eigene trotzkistische Organisation namens »Spartacus« (nicht zu verwechseln mit der Studentenorganisation der DKP: MSB Spartakus). Obwohl dieser Bund in Berlin nie mehr als 80 kontinuierlich aktive Mitglieder umfasste, darunter zu einem erheblichen Teil auch Lehrlinge und junge Arbeiter, war er zeitweise nicht ganz ohne Einfluss, etwa in der Gewerkschaftsjugend. Bereits 1973 zerbrach die inzwischen bundesweite Organisation in mehrere Splitter.

Das Verhältnis zur DDR war für junge Linke in West-Berlin von unmittelbarer Bedeutung. Es war nicht irgendein sowjetkommunistisch geführter Staat, sondern ein Regime direkt vor der Haustür, das die eigenen Ideale permanent beleidigte und diskreditierte. »Geht doch rüber«, war eine beliebte Reaktion auf Kritik an Zuständen oder Vorgängen westlich der Mauer. Mit öffentlichen Angriffen etwa auf den Algerienkrieg der Franzosen und den Vietnamkrieg der Amerikaner machten sich die Falken im Spektrum der staatstragenden Parteien West-Berlins wenig Freunde. Dieses war verständlicherweise vollkommen auf den Ost-West-Konflikt fixiert und fragte nicht viel danach, ob es berechtigte Einwände gegen westliche Regierungen geben könne. Für meine und manch anderer politische Entwicklung hatten der Protest gegen die mörderische Kriegsführung der USA in Vietnam und die Solidarisierung mit dem kommunistisch geführten Unabhängigkeitskampf der Vietnamesen eine kaum zu überschätzende Bedeutung.

Nun war es ja offenkundig der andere deutsche Staat, die DDR, der die Nordvietnamesen und die südvietnamesische Befreiungsfront unterstützte (wie die antikoloniale Revolution überhaupt), während die Bundesrepublik einschließlich der SPD-Führung letztlich auf amerikanischer Seite stand. Diese Konstellation machte den Falken und auch der frühen Studentenbewegung die DDR und ihre Verbündeten mehrheitlich aber nicht sympathischer, wenngleich die Kritik am Osten teilweise eine veränderte Stoßrichtung erhielt. Wir hatten den Eindruck, unter der Oberfläche der andauernden Konfrontation respektierten die oligarchischen Eliten beider Weltmächte und die von ihnen geführten Machtblöcke wechselseitig ihre Einflusssphären. Die Hilfe für Vietnam werde daher strikt dosiert und gegebenenfalls einem Arrangement der UdSSR mit den USA geopfert werden. Hatten umgekehrt die Westmächte nicht am 13. August 1961 demonstrativ stillgehalten, sich sogar unverhohlen erleichtert gezeigt?

Die geteilte » autoritäre Weltherrschaft von Washington bis Wladiwostok« (R. Dutschke) ging meiner Meinung nach aber auch zu Lasten fortschrittlicher und freiheitlicher Entwicklungen auf der nördlichen Halbkugel, wo das Zerrbild des repressiven, armseligen und waffenstarrenden »Sozialismus« im Osten maßgeblich dazu beitrug, die Werktätigen der westeuropäischen Länder zu domestizieren, während umgekehrt der militärische Druck der NATO und der Kalte Krieg in Osteuropa dahin wirkten, eine demokratisch-sozialistische Transformation zu erschweren. Es war nicht zuletzt diese Vorstellung einer gegenseitigen Feindbildblockade, die die Berliner Falken schon frühzeitig dazu brachte, durch Reisen und andere Kontakte nach Osteuropa Entspannungsbemühungen voranzutreiben.

In der bestehenden Weltordnung, in der wir die Diktatur im Osten mehr als indirekte Stütze des Kapitalismus denn als reale Alternative dazu wahrnahmen, kam Deutschland in dieser Sicht eine zentrale Rolle zu. Hier träfen sich die Widersprüche beider Systeme, verstärkten und befruchteten sich potentiell gegenseitig, seien durch die Teilung des Landes mit der Einmauerung der DDR aber aktuell an ihrer Entfaltung gehindert. Aber jede Erschütterung der inneren Ordnung in West- wie in Ostdeutschland durch eine Bewegung von unten werde auch die staatlich fixierten Fronten des Systemkonflikts über den Haufen werfen.

Meine Einstellung zur gesamtdeutschen Nation und zum Staat Bundesrepublik Deutschland in meinen jungen Jahren ist ohne diese Prämissen und dieses politische Weltbild nicht zu verstehen. In meiner trotzkistischen Zeit, Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre, enthielt die Nation keine zentralen Gefühlswerte für mich, auch nicht negativ im Sinne eines Antigermanismus. Die deutsche Kultur war natürlich ein wichtiger Bezugspunkt mit meinen starken, von Kindesbeinen an gepflegten historischen Interessen. Ich war gegen die Lösung der Deutschen Frage durch Angliederung des einen Staates an den anderen – hielt eine solche auch für unwahrscheinlich –, aber war doch stets davon überzeugt, dass eine solche Deutsche Frage existiere. Die Einigung Deutschlands in den Grenzen von 1945 schien mir normal und legitim, der Verzicht auf die früheren preußischen Ostprovinzen jenseits der Oder-Neiße-Linie unumgänglich (eine Position, die vor 1968/69 auch in der SPD noch keineswegs selbstverständlich war). In den Programmen und Flugblättern unseres Spartacus wurde die gesamtdeutsche Dimension, nicht zuletzt auf mein Betreiben hin, immer wieder deutlich formuliert. Mit dem Ziel der »Wiedervereinigung in Freiheit« hatte das natürlich wenig zu tun.

Die Bundesrepublik war für mich der staatliche Überbau der westdeutschen bürgerlichen Gesellschaft, die meine Genossen und ich bekämpften. Ich geriet sogar unmittelbar mit dem Staat in Konflikt, als ich wegen Demonstrationsdelikten verhaftet wurde und vor Gericht kam. (›Auflauf‹ fiel dann 1970 unter die allgemeine Amnestie). Meine Freunde und ich wollten eine andere Republik, die wir uns als sozialistische Rätedemokratie vorstellten. Die Bewegung von 1967/68/69, die Studenten- und Jugendradikalisierung, ließ uns nicht unbeeinflusst, aber wir waren ja eher traditionalistische Sozialisten; unser Bezugspunkt war das mehr oder weniger realistische Bild, das wir uns von der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung machten. Die anfänglichen Kristallisationspunkte der Achtundsechziger – die Hochschulrevolte, das Aufbegehren gegen »autoritäre Strukturen« in Staat und Gesellschaft, die Anklage gegen den Umgang der westdeutschen Gesellschaft mit der NS-Vergangenheit – waren für uns demgegenüber zweitrangig. Eine weitgehende Übereinstimmung gab es dagegen bei der Solidarisierung mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt.

Um die Mitte der 70er Jahre änderten sich meine Lebensumstände. Ich hatte zeitig mein Geschichtsstudium abgeschlossen, promoviert und eine Assistentenstelle an der Technischen Universität Berlin angetreten. Der geschichtswissenschaftliche Zugang zur Wirklichkeit, auch zu Problemen der Arbeiterbewegung und des Sozialismus, erleichterte eine distanziertere, genauere und realistischere Sicht auch der aktuellen Situation. Ohnehin hatten meine Zweifel an einigen Dogmen des Trotzkismus und an dessen sektiererischen Zügen sich schon seit Jahren verstärkt. Der Zerfall unserer Organisation führte mich mit einem ihrer Splitter in das viel lockerere und offenere Sozialistische Büro. Ich engagierte mich gelegentlich in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, beschäftigte mich mit Solidaritätsarbeit für die osteuropäische Opposition und kam auch wieder in engeren Kontakt mit sozialdemokratischen Zirkeln.

Debatten, die in den 70er Jahren in den sozialdemokratisch-sozialistischen und kommunistischen Parteien Westeuropas geführt wurden, einer breiten Öffentlichkeit unter den Schlagworten »Eurosozialismus« und »Eurokommunismus« bekannt geworden, erleichterten mir die Anerkennung der repräsentativen Demokratie westlichen Typs als der bislang einzig realen Form von Demokratie in entwickelten Großstaaten. Diese Akzeptierung erfolgte nicht vorbehaltlos, denn der Parlamentarismus existierte nur als politische Organisationsform der modernen kapitalistischen Gesellschaft, die um des Fortbestands und des Wohlergehens der Menschheit willen meines Erachtens überwunden werden musste. Es liegt auf der Hand, dass die teilweise Neubewertung der westlichen (»bürgerlichen«) Demokratie meine Stellung zum Staat Bundesrepublik Deutschland veränderte, auch wenn mir die Selbstgerechtigkeit der Bonner Führungsschicht in allen staatstragenden Parteien, die die Bundesrepublik – in der Sachaussage durchaus zutreffend – gebetsmühlenartig als den »freiheitlichsten Staat der deutschen Geschichte« priesen, nach wie vor auf die Nerven ging. Zudem sah ich mich als Westberliner außerstande, mich ohne weiteres als »Bundesrepublikaner« zu begreifen. Dagegen sprach nicht nur die Geographie, sondern auch der Besatzungsstatus der Halbstadt. Ich durfte nicht einmal den Bundestag mitwählen.

Mich als Deutscher zu identifizieren, fiel mir hingegen nicht schwer. Parallel zu meiner Abkehr vom organisierten Trotzkismus entwickelte ich ein neues Verständnis von Internationalismus, das den autonomen nationalen Entwicklungen mehr Gewicht gab als vorher und damit auch den jeweiligen nationalen Besonderheiten. Ich kam zu dem Ergebnis, dass der Frage der Teilung und möglichen Neuvereinigung Deutschlands eine noch weitaus größere Bedeutung zukomme, als ich schon früher angenommen hatte. Der beharrliche Versuch, diesen Gesichtspunkt gemeinsam mit einigen ähnlich Gesinnten in die politischen Auseinandersetzungen der kommenden Jahre einzubringen – am bekanntesten wurde die »gesamtdeutsche Friedensinitiative«, die sich 1981 um den Offenen Brief Robert Havemanns an Breshnew gruppierte –, trug mir in weiten Kreisen des linken Spektrums den Ruf ein, einem nationalen Spleen erlegen zu sein. Bei aller Abgebrühtheit, die fünfzehn bis zwanzig Jahre politischen Engagements mit sich brachten, war ich manchmal beinahe verzweifelt darüber, wie schwer es war, auch nur die Legitimität von kritischen, gegen den damaligen main stream gerichteten Positionen zur Deutschlandpolitik innerhalb des progressiven Lagers zu behaupten – auch wenn die Zahl der versteckten Sympathisanten sehr viel größer war als nach außen erkennbar. Die meisten selbsternannten Wächter der bundesrepublikanischen Staatsräson sahen uns ebenfalls als »National-Neutralisten«, »Sozialnationalisten« und dergleichen.

Worum ging es? Die Diskussion um den Beschluss der NATO vom Dezember 1979, neuartige atomare Mittelstreckenwaffen zu stationieren (»Nachrüstung«), machte größeren Teilen der deutschen Bevölkerung beiderseits der Grenze wieder die gefährdete Lage des mit ABC-Waffen, Fremdtruppen und eigenen Soldaten vollgestopften, hochgerüsteten Deutschland bewusst. Die außerordentlich vielgestaltige und programmatisch diffuse Friedensbewegung hatte einen rationalen Kern: Würden die neuen Präzisionswaffen, die als Gegengewicht zur sowjetischen SS 20-Vorrüstung deklariert wurden, wegen ihrer technischen Leistungsfähigkeit und der unmittelbaren Bedrohung der UdSSR nicht die Ost-West-Konfrontation qualitativ verschärfen?

Der spezifisch deutsche Aspekt der Nachrüstungsproblematik lag auf der Hand: nicht ohne Grund war die Stationierung der besonders gefährlichen Pershing II ausschließlich für Westdeutschland vorgesehen und nur die der Marschflugkörper auch für andere Länder. Damit kam die begrenzte Souveränität und die besondere deutsche Rolle in den militärisch-politischen Blöcken in den Blick. Indem sie den Zusammenhang von B lockkonfrontation und deutscher Teilung thematisierten, dabei auch die Frage des militärischen Status der Bundesrepublik und der DDR nicht aussparten, versuchten die »linken Patrioten«, zu denen auch ich gerechnet wurde, der Friedensbewegung eine weiterreichende Perspektive anzubieten.

Wir waren davon überzeugt, dass das letzte Wort in der sowjetischen Deutschlandpolitik noch nicht gesprochen sei und dass es gelte, eine Konstellation zu schaffen, die Moskau diesbezüglich wieder aus der Reserve locke. Wir rechneten dabei – insofern in Übereinstimmung mit den Vertretern der offiziellen sozialdemokratischen Entspannungspolitik – mit einem komplizierten, widersprüchlichen und keineswegs auf Deutschland allein zu begrenzenden Prozess der Veränderung, wenn es gelinge, die militärische Konfrontation der Machtblöcke in Mitteleuropa aufzubrechen. Die damit verbundenen Risiken sahen wir, veranschlagten sie aber geringer als die aus dem gegebenen Zustand resultierenden, zumal seitdem die Entspannung um 1980 dabei war, in einen neuen Kalten Krieg umzuschlagen.

Während konservative Kritiker argwöhnten, es gehe Leuten wie mir eigentlich gar nicht um Deutschland, sondern es sollten lediglich nationalistische und antiwestliche Ressentiments gegen die NATO mobilisiert werden, waren im progressiven Lager manche ihrerseits überzeugt, wer etwas so Abwegiges im Sinn habe, wie gesamtdeutsche Bestrebungen mit der Friedensdiskussion zu verknüpfen, müsse von irgendwelchen dunklen Absichten geleitet sein. Tatsächlich ging es mir nicht um die Priorität nationaler Ziele, sondern um den sachlichen Zusammenhang der Deutschen Frage mit der Herstellung einer neuen europäischen Friedensordnung und mit der Entfesselung emanzipatorischer Bewegungen im Osten, wo die Krise des »real existierenden Sozialismus« nicht zu übersehen war, indirekt aber auch im Westen. Dass die deutschen Dinge mir auch gefühlsmäßig am nächsten lagen, darin konnte ich nichts Verwerfliches erkennen.

Es ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, dass die »linken Patrioten« entweder (zumindest zeitweilig) Westberliner waren oder in früheren Jahren aus der DDR übergesiedelt waren. Ich war insofern in einer ähnlichen Lage wie viele Zugereiste, als ich keine Verwandten in der DDR hatte. Allerdings kamen etliche meiner Freunde von »drüben«. Neugierig nutzte ich die seit 1972 für Westberliner bestehenden Möglichkeiten, den Ostteil der Stadt und das Umland zu besuchen, Bekannte und Freunde zu gewinnen: auch war ich mehrfach beruflich unterwegs, arbeitete in ostdeutschen Archiven und beteiligte mich in den 80er Jahren an der Organisierung von Arbeitskontakten westdeutscher und ostdeutscher Historiker. Mir war wichtig, soweit wie möglich das gesamte Spektrum der in der DDR vertretenen Grundanschauungen kennenzulernen. Zurückhaltend war ich bei der Aufnahme von Kontakten mit Gleichgesinnten, weil ich niemanden in Schwierigkeiten bringen wollte. Als aber Robert Havemann und dann auch weniger prominente Oppositionelle mit mir sprechen wollten, bin ich diesem Wunsch gern und mit großem Gewinn nachgekommen, zum Teil unter konspirativen Umständen, aber sicherlich stets von der allwissenden Staatssicherheit observiert. Anders als viele meiner Westberliner Freunde, die für vergleichbare Vergehen jahrelange Einreiseverbote erhielten, durfte ich weiter die DDR besuchen. Die Strafe bestand lediglich in der Behinderung meiner beruflichen Tätigkeit durch Verweigerung von Benutzungsgenehmigungen für Archivarbeit.

Es liegt mir nicht daran, in den Chor der DDR-Nostalgiker einzustimmen. Die Konservierung älterer deutscher Lebensformen und Anschauungen im SED-Staat empfand ich durchaus als problematisch. Aber sie war nach meinem Gefühl nicht ausschließlich negativ zu bewerten. Man konnte doch, trotz staatlicher Bevormundung und Repression und neben vielem Unerträglichen im Alltag, auch Elemente eines anderen, weniger oberflächlichen, geborgeneren und stärker solidarischen Lebens beobachten als im Westen. Wohlgemerkt: hier ist die Rede von einzelnen Aspekten subjektiver Wahrnehmung, nicht von der Summe des objektivierenden Vergleichs.

Erst die intensivere Beschäftigung mit der nationalen Frage machte die nationalsozialistische Vergangenheit für mich zu einem wirklichen Problem. In einem völlig unbelasteten Elternhaus aufgewachsen (Vater und Mutter aktive Antifaschisten), hatte ich mit dem Problem familiärer Bewältigung des Nazismus nicht zu kämpfen, mit dem sich viele Achtundsechziger herumschlugen. Dass es in dieser Hinsicht manche Ungereimtheit in Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik gab, fiel mir auf, als mein Vater 1961 erstmals als Kanzlerkandidat der SPD auftrat und einer im nachhinein auch für politische Gegner kaum nachvollziehbaren Diffamierungskampagne ausgesetzt war. Für mich war der Vorwurf des Landesverrats gegen einen Hitlergegner damals schwer zu begreifen. Ich hatte zuhause ein nicht übertrieben gefühlvolles, aber grundsätzlich positives Verhältnis zu Deutschland mitbekommen und gelernt, Verrat an Volk und Vaterland hätten die NS-Führer begangen, während die wahren Patrioten auf der anderen Seite gestanden hätten. In meiner trotzkistischen Phase trat diese Problemstellung dann ganz zurück: der Antifaschismus ging auf im Antikapitalismus, die Suche nach dem guten Deutschland im Internationalismus. Die Vorstellung einer nationalen Substanz, die selbst durch die Nazi-Barbarei nicht einfach zerstört worden sei, blieb jedoch tief in mir verankert.

Indem ich anfing, mir mein Deutschsein zum Problem zu machen – ausgehend von den geschilderten politischen Überlegungen –, vermochte ich überhaupt erst Scham über die Verbrechen Hitler-Deutschlands zu empfinden. Ich begann zu begreifen, dass die Belastung der deutschen Nation mit den NS-Verbrechen nicht durch individuelle Entscheidung abgestreift werden könne, sondern für Jahrhunderte zum Kern unserer nationalen Identität gehören werde. Die Deutschen könnten deshalb nicht einfach ein »normales« Volk sein. Es gehe nicht um kollektive Schuld, schon gar nicht der heute Lebenden, sondern um kollektive Verantwortung, die positiv anzunehmen sei. Gefordert sei ein, wie ich einmal formulierte, selbstkritisches nationales Selbstbewusstsein neuen Typs.

Damit ein solches entstehen könne, sei es von ganz wesentlicher Bedeutung, nicht eine Vergangenheitsbewältigung nach dem Rezept der tabula rasa zu betreiben. Rücksichtslose, tabufreie Forschung und wissenschaftliche Diskussion über alle Aspekte des Nationalsozialismus, auch über die Verquickung der gesellschaftlichen Eliten mit dem Regime und über die Konsensbereitschaft der Bevölkerung (die mir heute indessen übertrieben zu werden scheint), war für mich ein selbstverständliche s Gebot. Wer aber Deutschland nach den Schrecken der Vergangenheit auf »Auschwitz« reduzieren wolle, wer an der deutschen Geschichte, einschließlich des antinazistischen Widerstands, kein gutes Haar mehr lassen möge, hintertreibe – davon war ich mehr und mehr überzeugt – eine nationale Identitätsfindung und  Stabilisierung der Deutschen auf demokratischer Basis. Wenn wir den Jungen zumuten wollten, die Belastung mit dem Nationalsozialismus als Erbe der deutschen Geschichte zu akzeptieren, dann dürften wir ihnen Möglichkeiten positiver Identifikation nicht verbauen.

Die Nation ist für mich immer eine komplexe Erscheinung gewesen, eine Gefühls-  und Bewusstseinsgemeinschaft, für die die »objektiven« Kriterien gemeinsamer Sprache, Kultur und Geschichte das typische Rohmaterial abgeben, aber nicht mehr. Auch die in den Sozialwissenschaften stark betonten Kriterien des nationalen Marktes bzw. einer nationalen Kommunikation schienen mir eher die gesellschaftlichen Voraussetzungen als die Sache selbst zu beschreiben. Als Substanz des Nationalen im politischen Sinn begriff ich die Selbstbestimmung nach innen und nach außen eines sich als Volk verstehenden Kollektivs.

Die Hauptschwierigkeit, in der alten Bundesrepublik während der 70er und 80er Jahre die nationale Frage als eine gesamtdeutsche zu thematisieren, bestand in der Tendenz der westdeutschen Gesellschaft zu einer separaten Nationsbildung – zumindest als politische Willensgemeinschaft. Verantwortlich dafür war der enorme Modernisierungsschub, der von der wirtschaftlichen Dynamik des Nachkriegskapitalismus ausging, verbunden mit der fortschreitenden Westintegration und kulturellen Verwestlichung bei gleichzeitig andauernder Teilung Deutschlands. Es ergab sich das Paradoxon, dass die Bundesrepublik, auch und gerade im Zuge der Neuen Ostpolitik, an der einheitlichen deutschen Nation festhielt, der gesamtdeutsche Bezug für die Gesellschaft faktisch aber eine abnehmende Rolle spielte, während in der DDR seit 1970 zwar von zwei deutschen Nationen die Rede war, die eigenständige DDR-Nation aber selbst von ihren Erfindern kaum ernstgenommen wurde.

Der Trend zur BRD-Separatnation hätte sich wohl nur dann weiter entfalten können, wenn die Bundesrepublik von inneren und äußeren Erschütterungen weitestgehend frei geblichen wäre. Hier lag der Fehler derjenigen Sozialwissenschaftler, die die, als solche unbestreitbaren, Separierungstendenzen fortschrieben, Gegentendenzen und denkbare Gegentendenzen aber zu wenig in Rechnung stellten. Ungeachtet dessen haben die derzeitigen Schwierigkeiten zwischen »Ossis« und »Wessis« nicht ausschließlich mit der Hinterlassenschaft einer mehr als vierzigjährigen Diktatur im Osten zu tun, sondern auch mit der Eigenentwicklung Westdeutschlands in dieser Zeit, die die Mentalität seiner Bewohner stark verändert hat.

Ich selbst rechnete um die Mitte der 80er Jahre noch mit einer eher Jahrzehnte als Jahre andauernden Teilung Deutschlands. Ich war aber davon überzeugt, dass mit Gorbatschow die Dinge in Europa schneller in Bewegung kommen könnten, als nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen und der Raketenstationierung hatte befürchtet werden können. Anders als in den 50er und 60er Jahren gehörten die beiden deutschen Staaten nicht mehr zu den Scharfmachern, sondern – in ureigenem Interesse – zu den Dämpfern der Ost-West-Auseinandersetzung. Mir schien es wichtig, diese Tendenz zu fördern, sie gleichzeitig aber auch gesellschaftlich zu vertiefen.

Aus dieser Überlegung entstand im Gespräch mit Gleichgesinnten und einigen eingeweihten Politikern ab 1983 das Konzept einer doppeldeutsch angelegten Deutschen Freundschaftsgesellschaft, das jahrelang unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorangetrieben wurde. Die Gesellschaft sollte sich um alle Felder deutsch-deutscher Zusammenarbeit unterhalb der staatsoffiziellen Ebene kümmern und diese Felder als eine Art Clearingstelle ständig erweitern. Selbstverständlich ging das nicht an der SED vorbei und bedurfte im Westen zugleich einer parteiübergreifenden, breiten politisch-gesellschaftlichen Absicherung.

Es war nicht daran gedacht, bestehende Gegensätze zu verkleistern, sondern einen anderen, produktiveren Modus ihrer Behandlung zu entwickeln. Die von einer solchen Gründung ausgehende Dynamik wäre – so unser Kalkül – für die SED-Führung nicht ohne weiteres kontrollierbar; diese wäre auf Dauer außerstande, die Einbeziehung nonkonformer Kräfte aus ihrem Machtbereich zu verhindern. Über die teils direkten, meist aber indirekten Kontakte mit der SED informierten wir neben den Interessenten und Unterstützern unter den westdeutschen Politikern auch uns persönlich bekannte DDR-Oppositionelle, die unsere Einschätzung zumindest nicht abwegig fanden.

Am Ende war der SED-Führung die Sache offenbar zu riskant. Ungefähr zu demselben Zeitpunkt, als der Dialog mit der SPD eingefroren wurde, in den ersten Monaten des Jahres 1989, brach sie den Gesprächskontakt zu uns ab. Es waren dann Vertreter der neugegründeten politischen Gruppierungen in der DDR, die im November 1989 die West-Initiatoren aufforderten, den Verein unter den neuen Bedingungen offiziell zu konstituieren. Der Name »Deutsche Gesellschaft« macht deutlich, worum es heute geht und worum sich auch viele andere Initiativen bemühen. Die Deutschen können nicht als »ein Volk« leben, wenn nicht aus den beiden staatlich vereinigten Fragmenten eine deutsche Gesellschaft wird.

Ich leugne nicht, dass ich den deutschen Einigungsprozess zwischen Herbst 1989 und Herbst 1990 mit gemischten Gefühlen begleitet habe: innere Erregung und Freude darüber, in meiner Heimatstadt die Mauer, in meinem Land die Grenzanlagen fallen zu sehen – und zwar nicht in Schutt und Asche; Genugtuung, wenigstens in dem einen zentralen Punkt recht behalten zu haben, dass die Deutsche Frage uns über kurz oder lang wieder einholen werde; entsetzte Erkenntnis, dass das Ausmaß der systembedingten ökonomischen Katastrophe in der DDR wie im gesamten Ostblock zusammen mit dem nahezu bedingungslosen Beitrittswunsch der meisten Ostdeutschen und der Unfähigkeit der demokratischen Linken beiderseits der noch existierenden Grenze, ein eigenes gesamtdeutsches Konzept zu erarbeiten und ins Spiel zu bringen, im Osten den rigorosen Übergang zur liberal-kapitalistischen Marktwirtschaft mit den entsprechenden sozialen Begleiterscheinungen unvermeidlich machen werde.

Das reine Lamentieren darüber, dass die Dinge anders laufen, als man erhofft hat, ist dem politisch Denkenden ebenso verboten wie dem Wissenschaftler. Die deutschen Demokraten sind heute, über die sozialen und weltanschaulichen Scheidelinien hinweg, dazu verurteilt, den Einigungsprozess in absehbarer Zeit zum Erfolg zu bringen, so gut das unter den vorgegebenen Bedingungen möglich ist. Andernfalls droht die Kumulation krisenhafter Erscheinungen zu einer allgemeinen Staats-  und Gesellschaftskrise zu führen. Erst die reale Überwindung der deutschen Teilung wird die notwendigen Energien freisetzen für die Inangriffnahme der großen Menschheitsprobleme, die es weniger denn je überflüssig machen, über eine neue internationale Ordnung in solidarischer Gemeinschaft der Völker und – auch nach dem totalen Schiffbruch des Systems sowjetischen Typs und geradezu unter dieser Voraussetzung – über Lösungsmöglichkeiten nachzudenken, auch über solche jenseits des Kapitalismus.

 

Ursprünglich in: C.-C.Schweitzer u.a. (Hg.): Lebensläufe hüben und drüben, Opladen u. Leipzig 1993, S. 61-70.

Besprechungen

Henning Eichberg: Questioning Play. What play can tell us about social life. London (Routledge) 2016. 284 Seiten, 10 s/w Illustrationen

von Andreas Kalckhoff

Spiel als Muster und Abbild des Soziallebens

Sport und Spiel nehmen einen erheblichen Platz in unserem sozialen und kulturellen Leben ein, sie sind darüber hinaus ein bedeutsamer Wirtschaftsfaktor. Die Beschäftigung mit diesem Phänomen ist also für die Sozialwissenschaften ein Muss, möchte man meinen. Tatsächlich wird es aber, da den Bereichen Freizeit und Vergnügen zugeordnet, nicht wirklich ernst genommen. Dabei liegt doch nahe, dass die Art der Kommunikation und Interaktion in den bevorzugten Sportarten und Spielen etwas über das Sozialverhalten der Spieler wie der Zuschauer aussagt. Ein Buch, das diesen Zusammenhang thematisiert, ist also von großem Interesse.

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Arbeit-Bewegung-Geschichte. Zeitschrift für historische Studien. Heft I/2017, Metropol Verlag, 216 Seiten

von Siegfried Prokop

Das Heft 1 hat keinen thematischen Schwerpunkt. Es werden verschiedene Untersuchungen zu relevanten Themen vorgestellt.

Christian Dietrich befasst sich mit dem literarischen Profil und dem politischen Programm der Monatszeitschrift Die Linkskurve, Organ des ›Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller‹ (BPRS), die von August 1929 bis Dezember 1932 erschien. Typisch für die Zeitschrift war, dass ihr belletristischer Teil nicht in erster Linie auf die Ausbildung literarischer Spitzenleistungen orientiert war.

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1945 – Eine »Stunde Null« in den Köpfen? Zur geistigen Situation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus, hrsg. von Rainer Holze und Marga Voigt, Buskow (edition bodoni) 2016

von Elke Reuter

Der Titel des Sammelbandes wurde sicher bewusst mit einem Fragezeichen versehen, hat doch die Mehrheit der Beiträge Personen und Organisationen zum Untersuchungsgegenstand, denen der Sturz des Faschismus in Deutschland und der Aufbau einer neuen Gesellschaft Ausgangs- und Zielpunkt ihres Denkens und Handelns war. Für Millionen Deutscher dagegen traf die Situation zu, für die die Metapher ›Stunde Null‹ steht. Sie hatten Hitler bis zum bitteren Ende Gefolgschaft geleistet.

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